Aquazoo Löbbecke Museum - Haltung und Zucht von Insekten
Gespenstschrecken (Phasmatodea)

Von der Körpergestalt her kann man die Tiere dieser Insektenordnung in drei Formengruppen
aufteilen: die stabförmigen Arten (Stabschrecken), die Arten mit massigem Körper
(Gespenstschrecken) und die Arten mit ausgesprochen blattförmiger Gestalt (Wandelnde
Blätter).
Bislang wurden rund 3.000 Arten beschrieben. Manche Arten erreichen etwa 30 Zentimeter Körperlänge und sind damit die größten rezenten Insekten überhaupt. Die kleinsten Arten sind immerhin noch rund zwei Zentimeter lang. Sie leben in tropischen und subtropischen Gebieten. Einige Arten, die sogenannten Mittelmeerstabschrecken, sind im europäischen Mittelmeerraum beheimatet. Die überwiegend nachtaktiven Insekten haben eine große Ähnlichkeit mit Pflanzenteilen (Pflanzenmimese). Häufig ahmen sie verdorrte Äste nach. Die erstaunlichste Anpassung aber ist die Nachahmung von Blättern (Blattmimese).
Entwicklung

Eier der Gespenstschrecken (von oben nach unten):
Phoebaticus serratipes,
Trachythorax maculicollis,
Phyllium celebicum.
Die Phasmiden gehören zu den Insekten mit unvollkommener Verwandlung. Im Gegensatz zu den Insekten mit vollkommener Verwandlung, beispielsweise Käfern und Schmetterlingen, fehlt ihnen das Puppenstadium zwischen dem letzten Larvenstadium und dem ausgewachsenen Tier (Imago). Für die Entwicklung im Ei (Embryonalentwicklung) und für die Zeit bis zum erwachsenen Tier (Larvenentwicklung) kann man jeweils etwa drei bis sechs Monate ansetzen. Dann beginnt in der Regel nach vier Wochen die Eiablage bis zum Ableben. Die Lebensdauer der ausgewachsenen Weibchen liegt zwischen drei Monaten und über einem Jahr.
Wachstum und Häutung
Wachstum wird ermöglicht, indem die Larven während ihrer Entwicklung mehrmals ihre alte, zu eng gewordene Haut abstreifen. Dieser Vorgang wird als Häutung bezeichnet.
Die Häutung stellt eine sensible Phase im Leben der Insektenlarven dar und spielt sich meist nachts oder in den frühen Morgenstunden ab. Zur Häutung hängen sich die Larven mit dem Körper nach unten an einen Ast. Kleinere, gedrungene und flügellose Arten häuten sich bisweilen auch am Boden. Die alte Haut platzt am Rücken auf; langsam gleitet das Tier heraus. Dann bleibt es noch einige Zeit an der alten Haut (Exuvie) hängen. Die neue Haut ist zunächst noch weich und dehnbar. Durch Aufnahme von Luft in den Darm "pumpt" sich die Larve von innen auf und "wächst". Dann erhärtet die neue Haut und bekommt ihre endgültige Färbung. Sich häutende Tiere sind schutzlos und besonders gefährdet. Ist der neue Panzer ausgehärtet, beginnen viele Arten, ihre alte Haut aufzufressen. Weibliche Phasmidenlarven häuten sich meist sechsmal, männliche einmal weniger.
Fortpflanzung
Die ausgewachsenen Weibchen werden etwa 14 Tage nach der Häutung zur Imago geschlechtsreif. Nach weiteren 14 Tagen beginnen sie mit der Eiablage. Viele Arten können sich ohne Männchen durch unbefruchtete Eier fortpflanzen (Parthenogenese), doch ist die zweigeschlechtige Fortpflanzung bei Phasmiden, zumindest in ihren natürlichen Verbreitungsgebieten, die Regel.
Die Phasmideneier sind sehr vielgestaltig und ähneln häufig Pflanzensamen. Jede Art hat eine charakteristische Eigestalt, was man sich bei der Bestimmung zunutze machen kann. Der Grundbauplan aller Phasmideneier ist gleich. Sie bestehen aus einem relativ hartschaligen Eikörper. An einem Pol ist er verschlossen durch einen Deckel, das Operculum, das später durch die Larve von innen aufgedrückt wird. In der Eischale befindet sich eine Durchlassstelle für die Spermien, die Mikropyle. Sie ist von einem meist charakteristisch gezeichneten Feld umgeben.
Autotomie und Regeneration

Zwei regenerierte Vorderbeine, eine Häutung nach dem Verlust der Beine.
Viele Stabschrecken, wie Pharnacia, Acrophylla, Sipyloidea und Orxines, können ihre Beine abwerfen um zu entkommen (Autotomie). Das gilt besonders für die Larvenstadien der Arten.
Eng verbunden mit der Autotomie ist die Regeneration verlorengegangener Gliedmaßen. Eine Regeneration kommt nur bei Larven vor; ausgewachsene Tiere können verlorengegangene Gliedmaßen nicht nachbilden. Bei der ersten Häutung nach dem Verlust der Gliedmaßen wird ein nicht funktionsfähiges gekringeltes Bein gebildet. Nach der nächsten Hütung ist das Bein funktionsfähig, aber noch sehr klein. Nach jeder Häutung wird es größer. Regenerate von Tieren, die ihr Bein in den ersten Larvenstadien abgeworfen haben, erreichen fast die Größe der ursprünglichen Beine. Findet die Autotomie in den letzten Larvenstadien statt, sind die Regenerate nur sehr kurz.
Tarnung, Abwehr, Gefährlichkeit

Gespenstschrecke Heteropteryx dilatata
Phasmiden vertrauen auf die Tarnwirkung ihrer Gestalt und Färbung. Sie verharren tagsüber meist regungslos im Geäst, an Baumrinden, oder sie verstecken sich in Baumhöhlen. Darüber hinaus stehen ihnen die verschiedensten Abwehrmechanismen zur Verfügung. Sehr augenfällig ist die starke Bedornung bei den Riesengespenstschrecken. Bei Bedrohung werden die sonst so lethargischen Tiere recht aktiv. Zuerst drohen sie, indem sie Hinterleib und Hinterbeine hochstellen. Bei der nächsten Annäherung des Aggressors werden die Hinterbeine blitzschnell und mehrmals in unregelmäßigen Abständen zusammengeklappt. Verfängt sich der Angreifer zwischen den Beinen, werden die Beine zunächst nicht mehr auseinandergeklappt, sondern noch mehr zusammengepresst. Das kann recht schmerzhaft sein und wird in der Natur etliche Angreifer zum Aufgeben bewegen. Unterstützt wird dieses Verhalten manchmal durch zusätzliche Abwehrreaktionen. So sind Heteropteryx-Weibchen in der Lage, mit ihren pergamentartigen Flügeln zischende Geräusche hervorzubringen, die, einhergehend mit dem Beineschlagen, das Tier noch gefährlicher erscheinen lassen.

Stabschrecke Peruphasma schultei
Optische Signale bei Bedrohung geben viele geflügelte Arten; mit zusammengelegten FIügeln sind die Tiere unscheinbar. Werden sie bedroht, breiten sie ihre Flügel aus und erschrecken den Angreifer mit einer auffälligen, meist roten Flügelzeichnung (beispielsweise Orxines, Creoxylus, Peruphasma).
Viele Phasmiden können aus Drüsen an der Vorderbrust ein Sekret abgeben. Das kann die Tiere mit einem übelriechenden Geruch umgeben (Eurycantha, Orxines, Sipyloidea), kann sie aber auch zu gefährlichen Säurespritzern machen. Arten der amerikanischen Gattung Anisomorpha sind in der Lage, dem Angreifer ein ätzendes, stechend riechendes Sekret etwa 30 Zentimeter weit entgegenzusprühen.
Temperatur und Licht
Viele Arten, wie Carausius, Sipyloidea, Baculum und Extatosoma, stellen an die Temperatur keine besonderen Ansprüche. Ihnen reicht für die Zucht Zimmertemperatur aus; sie tolerieren auch Temperatursenkungen bis zu 16 ° C. Diesen Temperaturen sollten die Tiere aber nur ausnahmsweise ausgesetzt werden; ebenso sind ihnen Temperaturen über 35 ° C nicht zuträglich. Zu empfehlen ist die Pflege zwischen 20 und 25 ° C, wobei sich ein Rhythmus von 25 °C am Tage mit einer Nachtabsenkung auf 20 ° C bewährt hat. Den Verhältnissen in den Tropen entsprechend, werden die Tiere zwölf Stunden am Tag beleuchtet. Da sie überwiegend dämmerungs- und nachtaktiv sind, kommt der Beleuchtungsintensität keine große Bedeutung zu.
Größe des Terrariums
Größe und Ausstattung des Behälters, in dem Phasmiden gehalten werden sollen, werden in erster Linie von der Größe und der Biologie der Tiere bestimmt. Die ästhetische Abwandlung bleibt dann dem Züchter überlassen. Als Insektarien eignen sich mit Nylongaze bespannte Holzkäfige, Aquarien mit Belüftungsschlitzen oder handelsübliche Kunststoffaquarien mit Aufsatz.
Die Beckenhöhe sollte mindestens der dreifachen Körperlänge der Tiere entsprechen, im Fall der etwa 25 Zentimeter langen Riesenstabschrecke Pharnacia acanthopus, also ungefähr 75 Zentimeter. Nur dann ist gewährleistet, dass sich die Larve im letzten Stadium ungehindert zur Imago häuten kann. Für kleinere Arten eignen sich besser längliche Becken, in denen sich die Tiere über eine größere Fläche verteilen können.
Für Arten, die ihre Eier in das Erdreich ablegen (am vogelschnabelähnlichen Legeapparat zu erkennen, wie die Gespenstschrecken Heteropteryx und Eurycantha), ist eine höhere und nicht so fest gedrückte Bodenschicht erforderlich. Empfehlenswert ist es auch, auf den Boden eine dünne Schicht Blätter zu streuen. Die Eier der Stabschrecken fallen zwischen die Blätter und sind durch das Mikroklima dazwischen vor Feuchtigkeitsschwankungen weitgehend geschützt. Einige Arten verstecken sich tagsüber gern am Boden in Wurzellöchern oder Baumhöhlen (beispielsweise Eurycantha); Korkrinde oder Wurzeln kommen dem Verhalten der Tiere entgegen.
Luftfeuchtigkeit
Vom Feuchtigkeitsbedürfnis der Tiere hängt es ab, wie viele Seiten des Behälters mit Gaze bespannt werden können. So sind feuchtigkeitsliebende Arten, wie die Flechtenstabschrecke (Orxines macklottii), die Farnschrecke (Oreophoetes peruanas) oder die Larvenstadien verschiedener anderer Arten, besser in nur nach oben belüfteten Behältnissen unterzubringen, um die nötige Luftfeuchte zu halten. Unter Umständen ist es sogar ratsam, als Deckel eine mit nur wenigen Luftlöchern versehene Platte zu benutzen. Andere Arten wiederum (wie die Stabschrecken Carausius, Baculum, Sipyloidea) ziehen recht trockene, gut belüftete Gazekäfige vor. Gelegentliches Sprühen mit lauwarmem Wasser genügt ihnen.
Ein Bodengrund aus festgedrücktem Torf ist generell zu empfehlen. Eine ungefähr zwei Zentimeter dicke Schicht reicht aus. Sie soll in erster Linie für eine gleichmäßige Luftfeuchtigkeit sorgen und ein Austrocknen der abgelegten Eier verhindern. Die Schicht wird regelmäßig angefeuchtet, denn vollständig ausgetrockneter Torf nimmt Wasser nur unter Druck auf.
Für Eichenblattspezialisten zieht man zweckmäßigerweise schon im Herbst aus Eicheln Eichenkeimlinge heran. Noch besser eignet sich die immergrüne Eiche (Quercus ilex), die auch im Freien den Winter übersteht. Neuaustriebe und Blütenansätze von Rhododendron sind stark klebrig, so dass Stabschrecken daran festkleben können. Die klebrigen Triebe und Knospen müssen herausgebrochen werden.
Bei der Futterbeschaffung sind selbstverständlich möglichst unbelastete Standorte aufzusuchen. Stark befahrene Straßen eignen sich ebensowenig wie Ackerflächen oder Parkanlagen, wo mit Pestizideinsatz gerechnet werden muß.
Frisch geschlüpfte Larven in geringer Anzahl tun sich manchmal schwer mit der anfänglichen Futteraufnahme, besonders dann, wenn die Blätter schon etwas älter oder die Blattränder durch Frostschäden braun geworden sind. Das ändert sich oft, wenn der Besatz an Junglarven dichter ist. Dann nämlich werden die Fraßstellen immer wieder von anderen Larven erweitert, und ein Vertrocknen des Blattrandes wird verhindert. Ersatzweise können auch Larven einer anderen, weniger empfindlichen (aber friedlichen) Art zur Vergesellschaftung beigesetzt werden.
Nahrung

Megacrania batesii frisst ausschließlich Pandanus
Phasmiden sind ausnahmslos Pflanzenfresser. Ernährt werden sie mit einheimischen Pflanzen, die sie in der Regel auch gern annehmen. Viele Arten bevorzugen Brombeere, Rose und Eiche, andere Rhododendron, Farn oder Liguster. Aber auch andere Pflanzen sind geeignet. Es werden entweder Topfpflanzen in das Insektarium gestellt (beispielsweise Farne, vorgekeimte Eichen) oder abgeschnittene Zweige in Vasen. Sie sind gut durch einen Kunststoffstopfen zu verschließen, um ein Hineinfallen der Stabschrecken, insbesondere ihrer Larven, zu verhindern.
In strengen Wintern kann die Futterbeschaffung problematisch werden, doch lassen sich an geschützten Stellen meist noch Brombeerranken finden. Im Frühjahr verstärkt sich das Problem. Frisch ausgetriebene Brombeerblätter werden überhaupt nicht oder nur ungern angenommen, alte Blätter haben oft Frostschäden, die für besonders empfindliche Arten abgeschnitten werden sollten. Etwa einen Monat nach dem Austrieb werden die neuen Brombeerblätter gefressen.
Besonderheiten bei der Haltung
Bei der Pflege von Phasmiden sind einige Grundregeln einzuhalten. So sind jegliche Störungen zu vermeiden, wenn sich die Tiere häuten. Das tägliche Besprühen mit Wasser oder ein erforderliches Umsetzen der Tiere sollte erst einige Stunden nach der Häutung erfolgen.
Da besonders die langbeinigen Stabschrecken und deren Larven sehr leicht ihre Beine abwerfen, ist beim Umsetzen der Tiere besondere Vorsicht geboten. Auf jeden Fall ist zu vermeiden, die Tiere an den Beinen zu ergreifen. Beim Umgang mit den sehr empfindlichen Larven empfiehlt sich die Verwendung einer Federstahlpinzette. Diese Pinzetten üben nur einen geringen Druck auf den Körper aus, so dass die Gefahr des Zerquetschens gering ist; die oft recht kleinen Larven können zielgerichtet ergriffen und umgesetzt werden.
Bis auf wenige Ausnahmen ist der Umgang mit Phasmiden völlig ungefährlich. Besondere Vorsicht ist beim Umgang mit der Zweistreifenstabschrecke, Anisomorpha buprestoides, geboten. Ihr ätzendes Sekret greift die Schleimhäute an.
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