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Von Barbarossa bis Business

In Düsseldorfs nördlichstem Stadtbezirk trifft man sowohl auf pulsierendes Leben am Flughafen, in der Neuen Messe, im Rheinstadion, als auch auf ländliche Idylle und Stille, in Wittlaer, Angermund, Kalkum und auch im Zentrum: Kaiserswerth.

Die Kaiserswerther, von der Geschichte oft gebeutelt, waren von jeher ein selbstbewußtes Völkchen. Auch ohne klassische Stadterhebungsurkunde beging sie 1981 ihre 800-Jahr-Feier. Kaiserswerths Geschichte - und damit auch die manch anderer Düsseldorfer Pfarre - beginnt um 700, als der aus England stammende Benediktinermönch Suitbertus vom fränkischen König Pippin (dem mittleren) die Insel Rhinhusen (später Suitbertuswerth) geschenkt bekommt, dort Kloster und Kirche und damit ein Missions- und Kulturzentrum gründet. Suitbertus stirbt um 713 als Bischof und Abt und wird später heilig gesprochen. Zu seinem 1250. Todestag erhält die Stiftskirche den Titel "Basilica minor". Für die Kaiserswerther ist sie "unser Dom". Eine Blütezeit beginnt für das Rheinörtchen 1174, als Kaiser Friedrich Barbarossa die Rheinzoll-Stätte hierher verlegt. Aus Suitbertuswerth wird das Werth des Kaisers. An dessen Ufer kündet bald das mächtige Bollwerk der Kaiserpfalz von der Macht am Niederrhein. Kaiserswerth hat so manchen Sturm überlebt: den Überfall der Sachsen und Normannen im 8. und 9. Jahrhundert; im spanischen Erbfolgekrieg wurden Festung und Siedlung 1702 nahezu völlig zerstört; 1845 stand die ganze Stadt unter Hochwasser, und noch in diesem Jahrhundert überschwemmte der Rhein den Ort bis zum Klemensplatz. Heute ist es ruhiger geworden in der Wohn- und Garten-Vorstadt, dem idyllischen Ausflugsort vor den Toren Düsseldorf.

Theodor Fliedner gründete hier die Diakonissenanstalt; Florence Nightingale war seine prominenteste Schülerin. Der Kaiserswerther Kirchenlied-Dichter Friedrich von Spee bekämpfte den Hexenwahn. Ihren berühmtesten Mitbürgern haben die Kaiserswerther im Burggarten der Kaiserpfalz Denkmäler gesetzt, "Schattenbilder" genannt, nach den Theaterreden von Düsseldorfs Dichter, Dramaturg und Ehrenbürger Herbert Eulenberg.

Das benachbarte Lohausen (Häuser am Loh = Wald) wird 1147 erstmals erwähnt. Die Herren von Kalcheim (später Kalkum) hatten hier zwei Rittersitze, Lohausen und Leuchtenberg. Beide erwarb zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Heinrich Balthasar Lantz. Die dazugehörigen ausgedehnten Gartenanlagen machte die Stadt, die das Anwesen 1972 erwarb, den Bürgern zugänglich. Der 1980 verstorbene Galerist Alfred Schmela errichtete hier seinen Skulpturen-Park: Groß-Plastiken berühmter zeitgenössischer Künstler wirken im Kontrast zu uraltem Baumbestand.
Ausschlaggebend für die Eingemeindung Kaiserswerths mit Lohausen im Juli 1929 waren die Flughafen-Pläne der Stadt. 1927 flog die Deutsche Lufthansa erstmals Lohausen an. Stadt und Rheinische Bahngesellschaft gründeten im gleichen Jahr die Düsseldorfer Flughafen-Betriebsgesellschaft. Sie betreibt heute noch den Flughafen - mit Stadt und Land NRW als Gesellschafter. 1994 hatte Lohausen mit 14 Millionen Passagieren bundesweit das zweithöchste Fluggastaufkommen nach Frankfurt. Die Bürger der umliegenden Gemeinden müssen mit dem Fluglärm leben. Mit "flüsternden Riesen" am Himmel und Lärmschutzmaßnahmen auf der Erde versucht man, das Problem zu dämpfen.

Wie die Lohausener mit dem Flughafen, so leben die Stockumer (die seit 1909 zu Düsseldorf gehören) mit der Neuen Messe. Das 1971 eröffnete neue Messegelände gehört bis heute zu den modernsten in der Welt. In 15 Hallen bietet die Messe auf rund 200.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche eine hervorragende "Basis für Business". Mit jährlich rund 1,3 Millionen Ausstellern und Besuchern ist die Messe einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren der Landeshauptstadt.

Seine größten Landgewinne bei der letzten kommunalen Neugliederung 1975 verbuchte Düsseldorf im Norden mit Wittlaer, Angermund und Kalkum, schon zuvor bevorzugte Wohn- und Villengegenden für großstadtmüde Düsseldorfer. Nur zögernd gingen die alten Dorfgemeinden die "Vernunftehe" mit der Landeshauptstadt ein. Sie entgingen damit dem Zugriff der Industriestadt Duisburg.

Wittlaer, schon 1144 erwähnt, war noch vor gut 50 Jahren selbständig. Sein ehemaliger Ortsteil Kalkum ist wohl der älteste der neuen Düsseldorfer Stadtteile. Er wird als Calicheim schon 852 in einer Schenkungsurkunde erwähnt. Das im 17. Jahrhundert erbaute Kalkumer Schloß gehört seit 1947 dem Land Nordrhein-Westfalen, das es zu Archivzwecken nutzt. Die im 12. und 13. Jahrhundert errichtete Kalkumer St.-Lambertus-Kirche ist eine der ältesten der Stadt. Zum schmucken Dorfbild trägt auch die schon 1265 erwähnte Wassermühle bei.

Die Geschichte Angermunds reicht weit zurück. Schon um 960 wird Angermund unter den Grafschaften und Vogteien des ripuarisch-fränkischen Herzogtums aufgeführt. Später kam es in Besitz der Grafen von Berg. Noch heute kündigt die Kellnerei und Schloß Heltorf mit seinen repräsentativen Parkanlagen von der wechselvollen Vergangenheit. Angermund gehört zu den bevorzugten Düsseldorfer Wohngebieten. Die Kombination von Alt und Neu, historischen Bauten und modernen Bungalows, hat Angermund bis heute einen Rest liebenswerter Provinzialität erhalten. Hölzerne Straßenschilder tragen die Namen der ruhigen Straßen. Noch 1814 wurden im dichten Wald um Angermund die letzten Wildpferdjagden abgehalten. Heute sind die Wälder ein beliebtes Erholungsziel.


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Düsseldorfer Ansichten

10. März 2010 | 12:32 Uhr

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