Utta Hagen Detailseite
Rauminstallation

Utta Hagen klemmte 5 transparente Wände zwischen die Unterzüge der Deckenkonstruktion, die 5fach stufig versetzt eine Diagonale in den Raum setzen. Tausende in Größe, Volumen und Form unterschiedlicher Stielgläser stapeln sich vom Boden bis zur Decke und stehen dicht gedrängt nebeneinander. Stehen sie wirklich? Oder hängen sie? Ist es ein "Kunststück"
Die Gläser sind vertikal wie bei einem fortlaufenden Band angeordnet, d. h. sie streben im Wechsel hinauf und wieder kopfüber hinunter. Dadurch entwickelt sich keine eindeutige Bewegungrichtung in den Raum hinein, sondern die Glasflächen werden durch eine Binnenstruktur lebendig, die sich sowohl durch die Anordnung der Gläser als auch durch das Verhältnis von Figur (Glas) und Grund (Zwischenraum) bildet. Wird es Ornament? Ist es eine stoffliche Struktur?
Sind die Gläser leer? Leer von jedem stofflichen Inhalt speichern und reflektieren sie jedoch das Licht, das durch die umlaufenden Fenster hereinströmt. Vielfach gebrochen wird es in ihren Rundungen, durch die gleichzeitig Interferenz-Lichtpunkte entstehen, die unregelmäßig und scheinbar willkürlich aufblitzen. Durch jede noch so leichte Bewegung des Betrachters erlöschen diese glitzernden Punkte, um an anderer Stelle erneut lautlos aufzuleuchten. Dieses wie durch Eigenlicht gesteuerte Lichtspiel entmaterialisiert die Arbeit einerseits, läßt sie aber andererseits gerade durch dieses Aufflackern der Gläser ihren Ort bestimmen. Entscheidend hierfür ist die Bündelung des Lichtes in den Gläsern selbst und die fehlende Reflexion in den Raum. Die Künstlerin richtet darum keine direkten Lichtquellen auf die Glaswände, um Schattenzeichnungen im Raum zu vermeiden.

Der Blick sucht immer wieder Festigkeit und Klarheit zu finden, die ihm diese Arbeit jedoch verweigert. Ein leicht schräger Blick auf eine Wand läßt sie geeist, als Wasserfall gefroren oder metallisch erscheinen, tritt man näher, um dies zu überprüfen, dann trennen sich die einzelnen Elemente voneinander und wir erkennen die Perlen des Vorhangs. Vergleicht man die Gläser miteinander? Gibt es Individuen? Sieht man die Zwischenräume? Der Betrachter ist ständig in Bewegung. Verweilt er für einen Moment, um seinen Blickwinkel zu klären, so hofft er durch das Herantreten Gewißheit zu finden, die ihm jedoch die Nähe versagt. Diese entfaltet im Gegenteil eine ihr eigene Qualität, die sich beim Zurücktreten wiederum durch den Blick auf die Ganzheit verliert. So wandert der Betrachter beobachtend durch den Raum, hin- und zurücktretend, in ständiger Unschlüssigkeit.
Auch in ihrer emotionalen Wirkung bleibt die Arbeit ambivalent. Von Ferne betrachtet zieht einen die Schönheit und Pracht der kristallinen Fläche ebenso an, wie die vibrierende Linie der Seitenansicht. Jede Annäherung macht jedoch die Fragilität und Gefährdung des zerbrechlichen Materials körperlich spürbar. Vielleicht schiebt sich unbewußt ein Bild von spitzen Scherben, Schärfe und Schnitt zwischen unsere Wahrnehmung, so daß wir zurückweichen.
Ebenso verhält es sich mit dem Klang. Fehlt er uns? Kein Laut und keine Bewegung geht von den gläsernen Wandflächen aus. Und doch haben wir sowohl den verführerisch schönen, zart schwingenden Ton beim Anstoßen der Gläser im Ohr, als auch den gefürchteten harten beim Zerspringen der Gläser.

Eine weitere Sehweise erschließt sich, sobald man sich von den gestaffelten Glasflächen löst und deren Stand zur Architektur des Raumes beobachtet. Die gläsernen Wände durchziehen den rechteckigen Raum diagonal und teilen ihn in zwei rechtwinklige Dreiecke. Der Betrachter betritt sie an der Seite des spitzen Winkels, so daß sich der Raum vor ihm deutlich zu einer überraschenden Weite öffnet. Die Klarheit der Diagonalen macht die Unruhe der architektonischen Raumelemente deutlich, beginnend bei den verschiedenartigen Stützen im Raum, den unterschiedlich tief und über Kreuz hängenden Unterzügen, sowie den dazu abweichenden Fenstergliederungen.
Utta Hagen baute ihre transparenten Raumelemente aus ungewöhnlichen Bausteinen. Es sind Gefäße, ohne Inhalt. Nur die Bewegung des Betrachters zwischen den fragilen Wänden kann den scheinbar leeren Raum füllen. Die hohe Aufmerksamkeit, die er hierzu benötigt, und seine Vorsicht, zwingt ihn zu einer sensiblen Wahrnehmung.
Text: Ulla Lux 1999
Fotos: Frank Peters
Katalog Kunstraum Düsseldorf
April 1999


