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Vorwort der Bilddokumentation zur Stadtgeschichte, 1989

Eine Stadt ist ein Gebilde, das einem ständigen Wandel unterworfen ist. Das gilt sowohl für die Bewohner, ihre Zahl, ihren Zu- und Abzug, ihre soziale Zusammensetzung, als auch für die bauliche Gestalt der Stadt. Erst wenn man nach einigen Jahren wieder in eine Stadt, ein Stadtviertel oder eine Straße kommt, merkt man, wie an vielen Stellen die Veränderung wirksam geworden ist. Hier ist eine Baulücke zugebaut, dort ein altes Haus durch ein neues ersetzt, hier ist eine Fassade durch Reklametafeln verdeckt, dort eine Hauswand begrünt, hier ist eine Straße mehrspurig für den Autoverkehr ausgebaut, dort eine Fußgängerzone entstanden, hier ist eine Straßenbahnlinie durch eine Buslinie ersetzt worden, dort sind Bäume auf der Decke einer neugeschaffenen Untergrundbahn gepflanzt worden. Diese täglich, kaum merklich vor sich gehende Veränderung prägt den Charakter einer Stadt, eines Stadtteils oder einer Straße. Die verschiedensten Kräfte wirken bewusst und unbewusst daran mit.

Woher kommt es zum Beispiel, dass sich eine Straße wie die Düsseldorfer Königsallee, die um die Jahrhundertwende noch eine ruhige Wohnstraße gewesen ist, zu einer Geschäftsstraße europäischen Ranges entwickelt hat? Ältere Bewohner berichten, und das lässt sich durch Fotografien bestätigen, dass noch bis in die Nachkriegszeit ausgedehnte Gärten hinter den Häusern an der Königsallee bestanden haben. Heute ist jeder Garten und jeder Innenhof überbaut, Galerien und Einkaufspassagen haben sich der Räume im Innern der Hausblöcke bemächtigt. Das Grün ist zum Teil auf die Dachterrassen und Penthousewohnungen gewandert.

Woher kommt es zum Beispiel, dass in einem reinen Gründerzeitviertel, wie z. B. in Oberkassel, in dem die alte Bausubstanz weitgehend erhalten geblieben ist, ein sozialer Wandel vor sich geht? Wo noch vor wenigen Jahren eine kleine Bäckerei, eine Metzgerei, ein kleiner Lebensmittelladen war, hat heute eine Boutique, eine Consulting-Firma, ein Werbe-Büro seinen Platz. Aus Wohnhäusern sind Geschäftshäuser geworden. Aus Bürgerhäusern sind, ohne dass die Fassade stark verändert worden wäre, Eigentumswohnungen geworden. Wie kommt es zum Beispiel, dass heute zunehmend alte Fassaden erhalten oder sogar wiederhergestellt werden, dass Großprojekte von Bürgerinitiativen begleitet werden, die um historische Bauten und Bodenfunde kämpfen? Wie lässt sich die Veränderung im Bewusstsein fassen, dass zum gestalteten Stadtraum auch das Grün gehört, dass nicht alles dem Vorrang des Autos geopfert werden darf, sondern die Stadt auch menschliches Maß braucht, um liebenswert zu sein? Wie kommt es, dass es trotz aller unmerklichen, kontinuierlichen Veränderung so etwas wie Entwicklungsphasen im Stadtgebiet gibt? Stimmt es, dass sich jede Generation ihre Stadt neu baut und sich diese Generationsfolgen charakterisieren lassen? Stimmt es auch - ein Vorwurf, der heute den Planern und Bauherren der 1950er und 1960er Jahre gemacht wird - dass nach dem Kriege wesentlich mehr alte Bausubstanz vernichtet worden ist als durch die alliierten Bomberflotten und die Kampfhandlungen der letzten Kriegsmonate? Auch ist die Frage zu stellen, ob diese Entwicklung, die wir hier an der Stadt Düsseldorf beobachten, eine spezifische Düsseldorfer Angelegenheit ist oder ob nicht diese Stadt, sowohl was ihr Schicksal und die allgemeine wirtschaftliche Notwendigkeit als auch was den Modetrend angeht, eingebunden ist in die Geschichte der westdeutschen Großstadt allgemein.

Alle diese Fragen lassen sich nicht in einem Bildband beantworten, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Veränderungen des Stadtbildes der Stadt Düsseldorf in den letzten 100 Jahren nachzuweisen. Dass dies nur an wenigen Beispielen geschehen kann, ist selbstverständlich, dass diese Beispiele auch keine lückenlose Dokumentation eines Gebäudes oder einer Straße sein können so wünschenswert eine solche ist - ist auch nachzuvollziehen. Die vorliegende Auswahl der Ansichten von Straßen, Plätzen und Gebäuden beschränkt sich weitgehend auf die Düsseldorfer Alt- und Innenstadt. Hier stehen die bekanntesten Bauwerke, hier hat vor dem Krieg die größte Zahl von Düsseldorfern gelebt, hier zeitigte die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs ihre weitreichenden Folgen für den Wiederaufbau und hier - ein nicht zu unterschätzendes Argument - existieren die meisten Abbildungen aus verschiedenen Zeiten.

Es gehört zu den Eigenheiten der Fotografie, dass sie vornehmlich das Besondere, das Hervorgehobene, das Interessante dokumentiert. Gehen die Fotos, die jährlich vom alten Düsseldorfer Rathaus mit der Statue Jan Wellems davor gemacht werden, in die Hunderte, so sucht man Fotografien von dem danebenliegenden schmucklosen Neubau vom Ende der 1950er Jahre vergebens.

Die Berufsfotografen der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg - ich denke da an Peter Hubert Höltgen und vor allem an den Nestor der Düsseldorfer Fotografen, Julius Söhn - haben meist auch nur das fotografiert, wozu sie beauftragt wurden bzw. was ihnen als Bild oder Postkarte verkäuflich erschien. Während des Zweiten Weltkriegs war, wenigstens in den ersten Kriegsjahren, ein Fotograf des Stadtarchivs beauftragt, die Bombenschäden im Bild festzuhalten. Als dann ab 1943 bei den Großangriffen ganze Stadtviertel in Schutt und Asche fielen, konnte der Fotograf seine Aufgabe nicht mehr erfüllen, zudem war jetzt das Fotografieren streng verboten worden. So kommt es, dass das Stadtarchiv Düsseldorf über eine Sammlung von Fotos aus dem zerstörten Düsseldorf verfügt. Nur so war es in einigen Fällen möglich, den Fotos aus der Vorkriegszeit Fotografien aus der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zur Seite zu stellen. Nach dem Ende des Krieges hatte man zunächst andere Sorgen als die Trümmerstadt zu fotografieren. Das taten zwar die Alliierten in Luftfotos, die wenige Monate nach Kriegsende den Grad der Zerstörung dokumentieren sollten. So kommt es, dass die Fotosammlung des Stadtarchivs Düsseldorf keine Ansicht der sonst so oft fotografierten Rheinfront aus dem Jahre 1945 besitzt. Als einer der Berufsfotografen, die vereinzelt schon während des Krieges Bilder machten, tritt uns nach 1945 Dolf Siebert entgegen, der Aspekte des Wiederaufbaus auf seine Filme bannte. Jetzt hatte sich auch die Sichtweise geändert, auch Ruinen wurden im Bild festgehalten, ebenso Trümmerfrauen bei ihrer schweren Arbeit und erste Hinweise auf wieder erwachtes Geschäftsleben.

Etwas später, in den 1950er Jahren, war der Aufbau zu dokumentieren. Große Straßendurchbrüche, neue Geschäftszentren, die ersten Hochhäuser, die die Silhouette der Stadt prägen sollten, entstanden. Hier sind auch schon im Auftrag der städtischen Ämter Fotos gemacht worden, die mit Stolz auf das wieder Erreichte hinweisen. Als dann in den 1960er Jahren der Wiederaufbau der Stadt Düsseldorf weitgehend abgeschlossen war, erlahmte wieder die Lust am Fotografieren des Normalen, so dass die Veränderungen, die sich zwischen 1960 und 1989 vollzogen, nur unvollkommen im Bild festgehalten sind. Wenn daher im vorliegenden Bildband ein bekanntes Gebäude oder eine bekannte Straße vermisst wird, so liegt es daran, dass nicht genügend entsprechende Abbildungen vorhanden waren, oder auch, dass sich der Wandel, die Veränderung des Stadtbildes, nicht befriedigend darstellen ließ. Darüber hinaus kann jeder Bildband nur eine Auswahl bringen und muss sich schon des Umfangs wegen beschränken.

Die Zerstörung Düsseldorfs während des Zweiten Weltkrieges sowie die Neuplanung und der Wiederaufbau in den 1950er und 1960er Jahren bilden sicherlich die größte Zäsur im Erscheinungsbild der Stadt. Das geht so weit, dass ganze Straßenzüge verschwunden sind, auch im historischen Kern der Stadt neue Fluchtlinien entstanden, historische Straßen um mehrere Meter verbreitert wieder aufgebaut wurden und vieles mehr. Ich will dies hier nur aufführen, um zu erklären, wie schwer es manchmal war, den gleichen Standpunkt für eine Ansicht einer Situation von heute zu finden. War es schon nicht leicht, in der umfangreichen Sammlung der Fotos des Stadtarchivs Fotografien vom gleichen Standpunkt aus der Zeit vor dem Krieg und aus der Kriegs- bzw. frühen Nachkriegszeit zu finden, so war es ungleich schwerer, die neue Situation vierzig Jahre später begreiflich zu machen. Dies wäre dem Zugezogenen ohne die Hilfe der beiden ehemaligen Mitarbeiter des Stadtarchivs, Hermann Kleinfeld (1929-1998) und Hans Günter Eßer (1928-2003), nicht möglich gewesen. Hermann Kleinfeld, der, in der Düsseldorfer Altstadt geboren, Jahrzehnte die Stadtchronik und die Bildersammlung des Stadtarchivs betreute, kann wohl mit Recht als einer der besten Kenner des alten Düsseldorf angesehen werden. Eine ebenso große Hilfe hatte ich aber auch an dem gleichfalls in Düsseldorf geborenen und großgewordenen Hans Günter Eßer, der mehr die Entwicklung in den neuen Stadtvierteln miterlebt hat. Herr Eßer hat überdies sein schon immer fast professionell betriebenes Hobby, das Fotografieren, in den Dienst der Bildersammlung des Stadtarchivs und damit auch dieses Buches gestellt. weiter


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10. Februar 2012 | 08:01 Uhr

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