Goldstück Schneider Wibbel
Uraufführung 1913 bei Louise Dumont und Gustav Lindemann
Aus Sorge um ihren Ruf und aus Furcht vor einem Reinfall verlegten die Theaterleiter des Schauspielhauses Düsseldorf die Uraufführung von Hans Müller-Schlössers erstem abendfüllenden Stück auf die sommerliche Nachsaison. Neben Paul Henckels, dem Freund des Autors, der die Titelrolle übernommen hatte, stand damals auch der heute geheimnisumwitterte Autor B. Traven unter dem Namen Ret Marut auf der Bühne des Schauspielhauses an der Kasernenstraße. Mehr als 500mal ging das Stück über die Rampe. Louise Dumont nannte es "unser Goldstück".
Die Geschichte geht nach Angaben des Autors auf eine wahre Begebenheit in Berlin zur Zeit des Königs Friedrich Wilhelm IV. zurück. Ein Bäckermeister war nach einer Messerstecherei im Rausch zu einer mehrwöchigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Er überredete seinen Gesellen, statt seiner die Strafe abzusitzen. Dieser starb jedoch im Gefängnis, so dass nun der Meister als tot galt. Als dies schließlich bekannt wurde, erfuhr auch der König davon und begnadigte den Bäcker.
Müller-Schlösser verlegte den Ort der Handlung in seine Heimatstadt Düsseldorf zur Zeit der französischen Besatzung Anfang des neunzehnten Jahrhunderts und machte aus dem Bäcker einen Schneider. Inspiriert war er dabei vermutlich von der Figur des Schneiders Kilian aus dem Buch Der Grand von Heinrich Heine. Das Vergehen, für das sich der Schneider Wibbel zu verantworten hat, ist nun die Beleidigung des Kaisers Napoleon. Der amtlich als tot geltende Schneider kehrt als sein Zwillingsbruder zurück.

Szenenfoto Gastspiel des Schauspielhauses Düsseldorf im Kriegstheater Lille, 1916. V.l.n.r.: Paul Henckels, Hans Müller-Schlösser, Otto Stoeckel, Thea Grodtzinsky
"Volksstück" Schneider Wibbel
"... mit Hans Müller-Schlösser tritt Düsseldorf als spezifische Atmosphäre und Gestalt in die Geschichte der deutschen Nationalliteratur", heißt es in einem Nachruf auf Hans Müller-Schlösser 1956. Unter den lokalen Dialektautoren nimmt Müller-Schlösser durch den Umfang seines Werkes und die unbestrittene Wirkung auch über die Grenzen Düsseldorfs hinaus eine besondere Stellung ein. Zu einem Zeitpunkt, als die nord- oder süddeutschen Formen von Dialekttheater, von Heimatkunst und Naturalismus ihren Höhepunkt überschritten haben, muss der Rückgriff auf die Lokalposse, die den größten und wirksamsten Teil seines Werkes ausmacht, auf lokale Themen und auf die lokale Sprache unzeitgemäß erscheinen. Dennoch ist diese Wahl keine zufällige.
Nicht nur die sprachliche Form der Mundart ist durch die industriell bedingte Binnenwanderung im deutschen Kaiserreich in Bedrängnis geraten, sondern auch diejenige gesellschaftliche Schicht, die Träger dieser Sprache war oder noch ist: das Kleinbürgertum. Dass dieser Prozess in Düsseldorf erst so spät bewusst wird, liegt an der besonderen ökonomischen Entwicklung der Stadt im 19. Jahrhundert. In Düsseldorf konnte lange Zeit das Bild der beschaulichen Mittelstadt beibehalten werden, obwohl es an der kapitalistischen Wirtschaftsform längst regen Anteil hatte. Umso heftiger setzte nach 1890 die Hochindustrialisierung ein, deren Auswirkungen umso gravierender empfunden werden mussten.
Eigenständigkeit in Form und Problembewusstsein kann Müller-Schlösser für seinen Schneider Wibbel (1913) in Anspruch nehmen. Im Gegensatz zur Vorstufe mundartlichen Theaters, der Posse, ist das Kollektiv bei Müller-Schlösser in eine Vielzahl von Individuen zerfallen, die konkurrierend einer abstrakten Obrigkeit gegenüberstehen. Das Kollektiv hat keine selbstregulierende Funktion mehr: die Perspektive ist grundlegend auf das abweichende Individuum ausgerichtet, dem die Sympathien von Autor und Publikum zugeordnet werden. Durch das Beharren auf ehemals gültigen Wertvorstellungen grenzt sich das Individuum jedoch selbst aus dem Kollektiv aus. Um wieder in die Gemeinschaft eingehen zu können, muss der Einzelne seine frühere Identität aufgeben.
Wie tragfähig dieses Gesellschaftsbild zu sein scheint, beweist der Autor indirekt mit der Fortsetzung seines Stückes: Wibbels Auferstehung (1926). Tausende von deutsch- und fremdsprachigen Aufführungen, drei Verfilmungen, eine Musiktheater- (1938), eine Ballett- (1947) und eine Musicalbearbeitung (1984) belegen nur allzu deutlich die Wirkung des Stückes, dessen "Schatten" die übrige literarische Arbeit Müller-Schlössers verdeckt. Wie stark er mit dieser Arbeit auch von den Bedingungen des literarischen Marktes abhängig war, belegen die verschiedenen Verwertungen des Wibbel-Stoffes als Stückfortsetzung oder in epischer Form (Schneider Wibbels Tod und Auferstehung, 1938; Neuauflage 1954 unter dem Titel Schneider Wibbel).
Theaterzettel der Uraufführung 1913
Hans Müller-Schlösser (1884 - 1956)
"Am Rhein bin ich geboren, in Düsseldorf - am 14. Juni 1884 ... mit Düsselwasser bin ich getauft, der Rhein tränkte meine Wurzeln, und ich würde vertrocknen, wenn ich mich in ein anderes Erdreich verpflanzte." Das intensive Verhältnis zu seiner Geburts- und Heimatstadt Düsseldorf hat Hans Müller-Schlösser durch ein umfangreiches Werk bestätigt, in dem die Stadt und ihre Menschen immer wieder Gegenstand sind. Die "kleinen Verhältnisse" der Familie (der Vater war Lotse, die Mutter Bauerntochter) sind für Müller-Schlösser der Ausgangspunkt seiner Weltsicht und literarischen Betätigung.
Während der Schulzeit mit dem Schriftsteller Heinrich Spoerl und den Schauspielern Paul Henckels und Peter Esser entwickelt sich die vom Vater entfachte Liebe zum Theater, die er später als Darsteller in seinen eigenen Stücken pflegen sollte. Nach dem Schulabschluss mit dem Einjährigen beginnt Müller-Schlösser auf Anraten seiner Mutter eine Beamtenlaufbahn, die er jedoch nach kurzer Zeit zugunsten einer Tätigkeit als Lokalredakteur und Verfasser von Mundarterzählungen aufgibt.
Daneben knüpft er Kontakte zum Schauspielhaus Düsseldorf, das ihn zwar nicht in seine Theaterakademie aufnimmt, aber sein wohl bekanntestes Werk Schneider Wibbel zur Uraufführung bringt (14.7.1913). Neben lebenslanger journalistischer, schriftstellerischer und Theaterarbeit stand 1945 bis 1948 der kurzlebige Versuch, ein eigenes Theater in Düsseldorf, das "Kleine Theater", zu betreiben, das sich als "Volkstheater" gegenüber Gustaf Gründgens' Spielplan nicht behaupten konnte. 1956 starb Hans Müller-Schlösser - von Freunden und Heimatvereinen geehrt, von der Stadt Düsseldorf mit einer Leibrente versehen. Seinen literarischen Nachlass teilen sich der Heimatverein "Düsseldorfer Jonges" und das Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf.
Szenenfoto Düsseldorfer Schauspielhaus, Premiere: 17.9.1977. Foto: Lore Bermbach

