KOMM UND SIEH! Die Filme von Elem Klimov

Am

Filmreihe vom 02. bis 27. Februar

Und als es das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten lebendigen Wesens sagen: Komm und sieh! Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd, und der darauf saß, dessen Name ist „der Tod“; und das Totenreich folgte ihm nach, und ihnen wurde Vollmacht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und mit Hunger und mit Pest und durch die wilden Tiere der Erde. (Offenbarung des Johannes)

„Komm und sieh“ lautet der Titel von Elem Klimovs letztem Film, der zugleich als Höhepunkt seines Schaffens betrachtet wird. Der Titel ist als konkreter Aufruf an das Publikum zu verstehen und leitet sich aus dem 6. Kapitel der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments, ab. Der Ausruf „Komm und sieh!“ in den Versen 1, 3, 5 und 7 bildet dort die Aufforderung, die Verheerungen zu betrachten, die von den vier Reitern der Apokalypse angerichtet wurden. In seinem gleichnamigen Film bezieht Klimov diese Schrift konkret auf den nationalsozialistischen Terror und definiert den christlichen Begriff des „Tausendjährigen Reiches“ entgegen der völkischen Denkweise als bloße Apokalypse, als das Ende einer Welt, wie man sie bis dahin kannte. IDI I SMOTRI (KOMM UND SIEH, 1985) – ein erschütterndes Requiem für alle Opfer des Krieges. Elem Klimovs Filme seien „Dokumente der Trauer“ schrieb Peter W. Jansen anlässlich seines Todes im Jahr 2003. Der Nachruf bezieht sich mit dieser Beschreibung allerdings nicht auf das Gesamtwerk Klimovs, sondern lediglich auf drei zentrale Filme, die den Regisseur bekannt machten und zu Weltruhm verhalfen. Es ist nicht nur IDI I SMOTRI, der auf den Begriff der Apokalypse rekurriert. So lässt sich die Aufforderung „Komm und sieh!“ auch durchaus auch auf AGONIJA (AGONIA – RASPUTIN, GOTT UND SATAN, 1981) und PROSCHTSCHANIJE (ABSCHIED VON MATJORA, 1983) beziehen. AGONIJA beschreibt in fast schon brutalen Bildern den Zerfall der russischen Zarenherrschaft und PROSCHTSCHANIJE das Ende eines russischen Insel-Dorfes, das den Auswüchsen der Industrie weichen muss. Der Titel der Reihe dient also als Klammer für die Filme Klimovs, die sein Werk maßgeblich definieren. Die in Venedig prämierte Restaurierung von IDI I SMOTRI bildet dabei den Ausgangsund den Schlusspunkt dieser Filmreihe.

Sein völlig gegensätzliches Frühwerk, mit dem der Regisseur in den 1960er-Jahren in Form von witzigen Sozialsatiren und einer Halbdokumentation Publikumserfolge in seiner Heimat erzielte, wurde im westlichen Raum kaum rezipiert. Sein Hochschul-Abschlussfilm DOBRO POZHALOVAT, ILI POSTORONNIM VKHOD V OSPRESHCHEN (HERZLICH WILLKOMMEN ODER: UNBEFUGTEN EINTRITT VERBOTEN, 1964), gefolgt von POKHOZHDENIYA ZUBNOGO VRACHA (DIE ABENTEUER EINES ZAHNARZTES, 1965) und die außergewöhnlich ernste Dokumentation SPORT, SPORT, SPORT (1970) formen den ersten Teil der chronologisch angelegten Werkschau.

Elem Klimov, Schüler von Michail Romm, gehörte neben Sergej Eisenstein und Andrej Tarkowski zu den bedeutendsten Filmemacherinnen und Filmemacher der Sowjetunion. Die Produktions- und Distributionsprozessevon Klimovs Filmen brauchten meistens sehr viel Zeit: Den mehrjährigen künstlerischen Schaffensphasen folgten oftmals strenge Zensurmaßnahmen. Seine Filme wurden gestoppt, verboten, ausgesetzt und in die Giftschränke verbannt. Aufführungen konnten in Folge der staatlichen Repression in der Regel erst Jahre nach Fertigstellung stattfinden.
Die Ernennung zum Ersten Sekretär des Verbandes der Filmschaffenden der UdSSR im Jahr 1986 ermöglichte Elem Klimov die Einflussnahme auf die Filmwirtschaft, so dass er die Freigabe bisher zurückgehaltener Filme erreichen konnte. Dieser Posten bedeutete das Ende seiner eigenen Karriere als Regisseur, sodass der Höhepunkt seines filmischen Schaffens zugleich den Beginn der Perestroika und (nach nur sechs Spielfilmen) seinen eigenen Schlusspunkt markierte.