SOUTHERN GOTHIC – Heimsuchungen des US-amerikanischen Südens

Am

Filmreihe vom 02. bis 31. Oktober

„There is something in the region, something in the blood and culture of the southern state […] a sense, an intuition,
of an underlying dreadfulness in modern experience.“ (Tennessee Williams)

Bette Davis steht auf dem Balkon ihres herrschaftlichen Plantagenhauses und schießt mit einem Gewehr auf Bulldozer und Mitarbeiter einer Abrissfirma. Ihr Haus soll weichen, die leicht verschrobene, ehemalige Südstaaten-Schönheit setzt sich zur Wehr und... natürlich: greift zur Waffe. Die Szene aus dem für Davis‘ Spätwerk und den gleichnamigen Song kanonisch gewordenem HUSH... HUSH, SWEET CHARLOTTE scheint typisch für die ambivalente Anziehung, die der US-amerikanische Süden auf das Hollywood-Kino vor allem ab den 1940er-Jahren ausübte. Eine Faszination, die durch das Bewahren einer gemeinsamen nationalen Geschichte und ein gleichzeitiges Bekämpfen und Verarbeiten geprägt wurde. Ambivalent ist diese Faszination auch in ihrer Ästhetik. So durchzieht Davis‘ Film gleichzeitig eine gewisse Todessehnsucht als Schönheit des Verderbens, die sich diese Filme aus der Literatur übernehmen.

Die Ästhetik des „Southern Gothic“ hat ihren Ursprung in den Werken von Tennessee Williams, William Faulkner, Carson McCullers oder Flannery O’Connor, die das Morbide, Dunkle und Perverse der britischen Gothic-Tradition übernommen und von übersinnlichen Elementen befreit haben. Im Zentrum ihrer Beobachtungen steht der US-amerikanische Süden als Gegenstück des als liberal gefeierten Nordens sowie die immer noch wirksame Idee des US-amerikanischen Traums. Einer gängigen Romantisierung und Hinwendung zur Vergangenheit, die bis heute andauert und die trotz Massenarbeitslosigkeit und dem Verschwinden der Industrie sowie einem fundamentalen Rassismus, in einen neuen Konservativismus und einer Zweiteilung des Landes mündet, setzen Williams und Co. etwas anderes entgegen. Denn in dem ehemals prachtvollen, aber nun verfallenen Herrenhaus, an das sich Bette Davis‘ Charlotte so verzweifelt klammert, spukt es. Diese Welt des Gothic hat jedoch wenig mit Geistern, Vampiren oder Voodoo-Zauber zu tun, sondern sucht in Familiengeheimnissen und traumatischen Erinnerungen, ‚einsamen Jägern‘ und ExzentrikerInnen die Gewalt des Unaussprechlichen. Eine Heimsuchung des Bürgerkriegs und der Geister der Sklaverei, der „Ursünde Amerikas“.

Während erste Filme dieses Sub-Genres bereits in den 1940er-Jahren produziert wurden und zunächst auf eine Mythisierung des Landes abzielten, feiert dieses Genre dann in den 1950er-Jahren und einer für seine Zeit typischen Hinwendung zur Psychoanalyse seinen Hö-hepunkt in prestigeträchtigen Theater ver filmungen (A STREETCAR NAMED DESIRE, SUDDENLY LAST SUMMER). Als eigenständiger Stil bebildert der „Southern Gothic“ aufregende Genre-Mischungen (wie Charles Laughtons Meisterwerk THE NIGHT OF THE HUNTER oder später Alan Parkers Okkult-Horror ANGEL HEART), märchenhaft diabolische Erzählungen von Gut und Böse oder entwickelt durch eine Metaphorik und eine ganz eigene, expressionistische Bildsprache auch politische Tragkraft. So werden diese Filme zu einem, mal mehr, mal weniger, eindeutigen Sprachrohr von Marginalisierten.Seien es die systematische Ungleichheit und Rassenunruhen, erzählt aus der Perspektive kindlicher Naivität (TO KILL A MOCKING-BIRD), oder die in absurde Bilder eingefangene Frage nach einem persön lichen Glauben in einer von Gewalt geprägten Welt, die Gott bereits verlassen zu haben scheint (WISE BLOOD). Sei es das Sumpfgebiet des Louisiana Bayou oder der Wald, die sich in traumartig-mythische Verhandlungsorte unverhoffter feministischer Sprachfindung (THE BEGUILED), afro-amerikanischer Identitäts-bildung, von Homophobie und sexueller Selbstbestimmung wandeln. Dieses Sub-Genre ist geprägt von einem anhaltenden Kampf um Identität und die Repräsentation der SüdstaatlerInnen selbst. Der Verfall, die Armut und die historische Gewalt des Südens lassen Figuren entstehen, die, so scheint es, ihre Kämpfe um Freiheit und Autonomie nur mit Gewalt führen können. Sie schreien, predigen, schießen um sich, ohne aufzuzeigen, wie in dieser Welt gelebt werden kann. Sie wollen das Erbe des der Vergangenheit zugewandten Viktoria nismus nutzen, um damit einen Schritt in die Zukunft zu wagen.