Filmreihe zu "Andrzej Wajda: Exhibition"

| News Sammlung - Amt 41-214

DER MANN AUS EISEN

Filmreihe zur Sonderausstellung

Die aktuelle Sonderausstellung des Filmmuseums würdigt den 100. Geburtstag von Andrzej Wajda (1926–2016), einer der bedeutendsten polnischen Regisseure und Mitbegründer der „Polnischen Filmschule“. Werke wie KANAŁ (1957), POPIÓŁ I DIAMENT (1958) oder CZŁOWIEK Z ŻELAZA (1981) machten ihn international bekannt. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter im Jahr 2000 einen Ehren-Oscar. Die Sonderausstellung „Andrzej Wajda: The Exhibition“ in Kooperation mit dem Polnischen Institut Düsseldorf und dem Manggha Museum für Japanische Kunst und Technologie in Krakau, das exklusiven Zugang zu Wajdas Archiv gewährt, bettet sein Werk in kulturhistorische Zusammenhänge und mit Bezügen zur Malerei und zum Theater, ein. Neben Original-Objekten und Produktionsnotizen stehen auch seine Filme mit Groß-Projektionen und Filmausschnitten im Mittelpunkt, vermittelt durch ein eigens konzipiertes Programm der Filmbildung.

Die begleitende Filmreihe in der Black Box widmet sich bis Juni monatlich wechselnden thematischen Schwerpunkten von Wajdas Filmschaffen. Das Jahr 2026, im dem Wajda seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte und in dem sich sein Todestag zum zehnten Mal jährt, wurde in Polen zum Andrzej-Wajda-Jahr erklärt.

In Kooperation mit dem Museum der Japanischen Kunst und Technik Manggha in Krakau und dem Polnischen Institut Düsseldorf. Gefördert und unterstützt durch das Ministerium für Kultur und Nationales Erbe Polens, die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und das Polnische Filminstitut.

 

Fokus im Mai und Juni:

Das Werk Andrzej Wajdas ist von einer intensiven, vielschichtigen Auseinandersetzung mit Revolution und gesellschaftlichem Umbruch geprägt. Revolution erscheint bei ihm nicht als triumphaler Neubeginn, sondern als ambivalenter Prozess aus Idealismus, Macht und menschlicher Schwäche. Ihn interessiert weniger der Pathos des Aufstands als dessen moralischer Preis. Seine Figuren stehen zwischen Hoffnung und Ernüchterung, politischer Überzeugung und persönlicher Integrität.

In DER MANN AUS MARMOR und DER MANN AUS EISEN entlarvt Wajda die Mechanismen politischer Mythenbildung und zeigt, wie revolutionäre Ideale propagandistisch überhöht und zugleich verraten werden. Stilistisch arbeitet er mit fast dokumentarischer Nüchternheit: Archivmaterial, Interviewsituationen und eine fragmentarische Erzählweise erzeugen historische Unmittelbarkeit. Besonders in DER MANN AUS EISEN verbindet sich diese realistische Ästhetik mit der Situation der Solidarność-Bewegung, die 1980 in der Danziger Werft entstand und als erste unabhängige Gewerkschaft im Ostblock demokratische Reformen forderte. Aus einem Arbeiterstreik entwickelte sich eine gesellschaftliche Opposition, die das kommunistische Regime nachhaltig erschütterte.

Auch DANTON entfaltet Revolution als Tragödie. Der Konflikt zwischen Danton und Robespierre erscheint als Kammerspiel der Macht, getragen von intensiven Dialogen und dichter, theatraler Bildkomposition. Dunkle Innenräume, Kerzenlicht und schwere Farbkontraste verleihen dem Film eine bedrückende Atmosphäre. Mit DAS GELOBTE LAND erweitert Wajda den Revolutionsbegriff auf die industrielle Umwälzung des 19. Jahrhunderts. Eine bildgewaltige Ästhetik entsteht: Prunkvolle Salons kontrastieren mit rauchenden Fabrikhallen, grelle Farben und dynamische Kamerabewegungen spiegeln die Energie des aufkommenden Kapitalismus.

Im späteren Werk verschiebt sich der Akzent: weg vom unmittelbaren Revolutionsgeschehen, hin zu Erinnerung, Bilanz und künstlerischer Verantwortung. Es geht weniger um Aufbruch als um das Bewahren von Wahrheit. Filme der 1970er-Jahre wie DIE MÄDCHEN VON WILKO oder DAS BIRKENWÄLDCHEN zeigen Wajda als konzentrierten Existenzialisten und verweisen bereits auf seine Hinwendung zur künstlerischen Selbstreflexion. AFTERIMAGE, sein letzter Film, lässt sich als Denken über das Künstlertum lesen. Erzählt wird die Geschichte des Malers Władysław Strzemiński, der im stalinistischen Polen Repression und Berufsverbot erleidet, weil er seine Kunst nicht einer Ideologie unterwerfen will. Kritiker*innen sahen sehen darin auch ein Selbstporträt Wajdas: Die Frage, wie viel Freiheit Kunst unter politischen Zwängen bewahren kann, durchzieht sein gesamtes Werk und kulminiert in diesem stillen Vermächtnisfilm.

 

SO 3.5. 17 Uhr | FR 15.5. 21 Uhr
DANTON
FR·PL·BRD 1983 · 136 min · DF · 35mm · FSK 12 · R: Andrzej Wajda · B: Jean-Claude Carrière, Andzej Wajda, Agnieszka Holland, Boleslaw Michalek, Jacek Gasiorowski nach einer Vorlage von Stanisława Przybyszewska · K: Igor Luther · D: Gérard Depardieux, Wojciech Pszoniak, Patrice Chéreau, Bogusław Linda, Angela Winkler u.a.

Frankreich im Jahr 1794: Unter dem Jakobiner Maximilien de Robespierre hat sich die Französische Revolution in eine Terror-herrschaft entwickelt: (angebliche) Verräter der Revolution werden zu Tausenden auf das Schafott geführt. Sein Weggefährte Georges Danton, selbst ein führender Kopf der Revolution und ehemaliger Verfechter der Terreur, sucht nach Mäßigung in der Barbarei. Seine Auseinandersetzung mit Robespierre wird aber schnell als Verrat wahrgenommen und Danton muss um sein Leben fürchten. Die Dreharbeiten zu DANTON waren ursprünglich in Polen geplant, durch die Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 wurde dies aber unmöglich: Denn eine Versammlung von mehr als drei Personen konnte schon als konspiratives Treffen gelten und Grund für eine Verhaftung sein. Wajda gelang es aber, gemeinsam mit einigen seiner engsten Mitarbeitenden, nach Frankreich zu gehen, wo er den Film letztendlich auch umsetzte. DANTON ist seine Antwort auf die politische Situation in seinem Heimatland und enthält einige mehr oder weniger subtile Kommentare. Der Film wurde ein Kassen- und Kritikererfolg, gewann unter anderem den César in der Kategorie Beste Regie.

 

MI 20.5. 19 Uhr
CZŁOWIEK Z MARMURU · DER MANN AUS MARMOR
PL 1977 · 157 min · OmeU · digitalDCP · ab 18 · R: Andrzej Wajda · B: Aleksander Ścibor-Rylski · K: Edward Kłosiński · D: Jerzy Radziwiłowicz, Krystyna Janda, Tadeusz Łomnicki, Jacek Łomnicki, Michał Tarkowski u.a.

Die Filmstudentin Agnieszka möchte ihren Abschlussfilm über die Helden der Arbeit drehen: Arbeiter*innen, die in der Sowjetzeit für Propagandazwecke als Vorbilder ausgezeichnet wurden. Sie stößt in einem Museumsarchiv auf einige Marmorfiguren, von denen sie eine nicht mehr loslässt: Sie stellt den Maurer Mateusz dar, der einen Rekord bei der Verarbeitung von Ziegelsteinen aufgestellt haben soll. Mateusz’ Leben soll zum Thema ihres Films werden, doch der Arbeiter ist spurlos verschwunden. Bei ihrer Recherche zu seinem Schicksal stößt sie auf ungeschönte Wahrheiten des Systems und wird selbst mit Repressionen konfrontiert. Wajda vermischt in seinem Film mehrere Ebenen und wechselt fließend zwischen originalen und nachgestellten Dokumentar- und Spielfilmszenen, um reale und fiktionale Realitäten immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Versuche, den Film schnell wieder aus der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen, scheiterten am großen Interesse des polnischen Publikums. Durch glückliche Umstände gelang dem Film auch der Sprung durch den Eisernen Vorhang. In Cannes gewann er den FIPRESCI-Preis und wurde u.a. nach Frankreich verkauft, wo er mit Erfolg in den Kinos lief.

 

SO 24.5. 20 Uhr
CZŁOWIEK Z ŻELAZA · DER MANN AUS EISEN
PL 1981 · 147 min · OmeU · digitalDCP · FSK 16 · R: Andrzej Wajda · B: Aleksander Ścibor-Rylski · K: Edward Kłosiński · D: Jerzy Radziwiłowicz, Krystyna Janda, Marian Opania, Bogusław Linda, Janusz Gajos u.a.

Der Redakteur Winkel bekommt von höchster Stelle den Auftrag, Material gegen den Werftarbeiter und Solidarność-Gewerkschafter Maciej Tomczyk zu sammeln. Er erfährt von Personen aus dessen Umfeld vom Werdegang Tomczyks und dem Schicksal dessen Vaters, der als führende Figur beim Aufstand der Arbeiter 1970 erschossen wurde. Er erkennt, dass dieser Verlust einen Bruch in der Biografie von Tomczyk bedeutete, der sein Studium abbrach, um selbst, wie sein Vater, organisierter Arbeiter zu werden. Je tiefer Winkel in das Schicksal dieses Menschen eintaucht, desto größer werden seine Zweifel, ob er für die richtige Seite agiert. CZŁOWIEK Z ŻELAZA ist ein gedanklicher Nachfolger von Wajdas CZŁOWIEK Z MARMURU (1977). Nun erzählt er die Geschichte vom Sohn des Helden der Arbeit Mateusz Birkut, dem Protagonisten seines früheren Films. Die Figur des Maciej Tomczyks fungiert dabei als ein Stellvertreter für Lech Wałęsa, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Solidarność und späteren Friedensnobelpreisträger sowie Präsidenten Polens. CZŁOWIEK Z ŻELAZA gewann 1981 die Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes.

 

MO 25.5. 18 Uhr
ZIEMIA OBIECANA · DAS GELOBTE LAND
PL·BRD 1975 · 179 min · OmeU · digitalDCP · ab 18 · R: Andrzej Wajda · B: Andrzej Wajda nach einer Vorlage von Władysław Stanisław Reymont · K: Witold Sobociński, Edward Kłosiński, Wacław Dybowski · D: Daniel Olbrychski, Wojciech Pszoniak, Andrzej Seweryn, Kalina Jędrusik, Anna Nehrebecka u.a.

Łódź am Ende des 20. Jahrhunderts: In der multikulturellen Stadt leben Deutsche, Polen und Juden zusammen. Die Industrie boomt, besonders als Standort für die Textilherstellung. Die drei Freunde Karol (ein Pole), Maks (ein Deutscher) und der Jude Moryc träumen von einer eigenen Fabrik und dem großen Geld. Gemeinsam gelingt es ihnen, ihre Pläne zu realisieren, doch ihr Unternehmen, das wie alle anderen auch auf der unmenschlichen Ausbeutung der Arbeiter*innenschaft beruht, ist der Konkurrenz ein Dorn im Auge. In epischer Breite und äußerst bedrückenden Bildern erzählt Wajda diese Industriesaga nach einem Roman von Władysław Reymont. Es ist ein Film der Kontraste: Während er die Fabrik- landschaft häufig mit einer fluiden Handkamera aus der Perspektive der Arbeiter*innen atmosphärisch festhält, zeigt er die Fabrikbesitzer in ihrer prunkvollen, aber seelenlosen Dekadenz. In einer Befragung von circa 300 Personen aus der Filmindustrie durch das Museum der Kinematographie und der Universität in Łódź wurde der Film 2025 zum besten polnischen Film aller Zeiten gewählt.

Vor dem Film: Publikumsgespräch mit Andrzej Seweryn, Schauspieler und Generaldirektor des Teatr Polski in Warschau.

 

DO 4.6. 18 Uhr | SA 6.6. 21 Uhr
BRZEZINA
DAS BIRKENWÄLDCHEN
PL 1970 · 99 min · OmeU · digitalDCP · ab 18 · R: Andrzej Wajda · B: Andrzej Wajda nach einer Vorlage von Jarosław Iwaszkiewicz · K: Zygmunt Samosiuk · D: Daniel Olbrychski, Olgierd Łukaszewicz, Emilia Krakowska, Danuta Wodyńska, Elżbieta Żołek u.a.

In einer verlassenen Waldlandschaft entfaltet sich ein intimes Kammerspiel über Krankheit, Vergänglichkeit und familiäre Entfremdung. Andrzej Wajdas Film aus dem Jahr 1970 basiert auf einer Erzählung von Jarosław Iwaszkiewicz und zählt zu den
stilleren, literarisch geprägten Arbeiten des polnischen Regisseurs. Im Mittelpunkt stehen zwei Brüder, deren gegensätzliche Lebensweise mvor dem Hintergrund eines ländlichen Guts aufeinandertreffen: Der eine vom Tod gezeichnet, der andere scheinbar fest im Leben verankert. Wajda übersetzt die symbolisch aufgeladene Prosa Iwaszkiewicz’ in eine konsequent reduzierte Bildsprache, in der Natur nicht bloße Kulisse, sondern emotionaler Resonanzraum ist. Das Birkenwäldchen mfungiert dabei als wiederkehrendes Motiv für Erinnerung, Verlust und die Unausweichlichkeit des Endes. Entstanden in einer Phase, in der sich das polnische Kino verstärkt existenziellen und psychologischen Fragestellungen zuwandte, verbindet der Film individuelle Tragik mit einer zeitlosen Reflexion über menschliche Nähe und Einsamkeit.

 

FR 12.6. 19 Uhr | SO 21.6. 15 Uhr
PANNY Z WILKA · DIE MÄDCHEN VON WILKO
PL 1979 · 111 min · OmeU · digitalDCP · ab 18 ¬ R: Andrzej Wajda B: Zbigniew Kamiński nach einer Vorlage von Jarosław Iwaszkiewicz K: Edward Kłosiński · D: Daniel Olbrychski, Anna Seniuk, Christine Pascal, Maja Komorowska, Stanisława Celińska u.a.

In einer sommerlichen Gutslandschaft der polnischen Provinz der Zwischenkriegszeit kehrt ein Mann nach vielen Jahren an einen Ort seiner Jugend zurück. Wiktor, inzwischen Ingenieur und von einem Gefühl innerer Leere getrieben, besucht das Anwesen Wilko, wo er einst prägende Wochen verbrachte und die sechs Töchter des Gutsbesitzers kennenlernte. Die erneuten Begegnungen mit den inzwischen erwachsenen Frauen konfrontieren ihn mit Erinnerungen, verpassten Möglichkeiten und der Frage, wie sehr vergangene Entscheidungen sein gegenwärtiges Leben bestimmen. Jede von ihnen spiegelt einen anderen Entwurf von Nähe, Anpassung oder Selbstbehauptung, ohne dass sich die Vergangenheit einfach wiederholen ließe. Andrzej Wajda folgt der literarischen Vorlage von Jarosław Iwaszkiewicz und entwickelt daraus ein leises, präzise beobachtetes Drama über Zeit, Erinnerung und innere Reifung. In ruhigen Bildern und zurückhaltenden Dialogen entfaltet sich ein melancholisches Panorama, in dem Landschaft und Architektur zu Trägern von Erinnerung werden. Der Film gewinnt seine Intensität aus der feinen Verschiebung von Blicken, Gesten und unausgesprochenen Erwartungen – ein Nachdenken über Abschied, Vergänglichkeit und die Last des Gewesenen.

 

MI 24.6. 20 Uhr
POWIDOKI · AFTERIMAGE
PL 2016 · 98 min · OmeU · digitalDCP · ab 18 · R: Andrzej Wajda · B: Andrzej Mularczyk · K: Paweł Edelman · D: Bogusław Linda, Bronislawa Zamachowska, Zofia Wichłacz, Andrzej Konopka, Krzysztof Pieczyński u.a.

In den letzten Lebensjahren eines kompromisslosen Künstlers entfaltet Andrzej Wajda ein konzentriertes Porträt von moralischer Standhaftigkeit unter politischem Druck. Der avantgardistische Maler und Kunsttheoretiker Władysław Strzemiński gerät im Polen der späten 1940er-Jahre zunehmend in Konflikt mit der stalinistischen Kulturpolitik, die den sozialistischen Realismus zur verbindlichen Norm erhebt. Weil er sich weigert, seine ästhetischen Überzeugungen zu widerrufen oder anzupassen, wird er systematisch aus dem öffentlichen Leben verdrängt: Er verliert seine Lehrtätigkeit, seine Ausstellungs- und Arbeitsmöglichkeiten sowie schließlich jede materielle Absicherung. Wajda rekonstruiert diesen Prozess der Auslöschung nüchtern und ohne Pathos, als schrittweise Entziehung von Sichtbarkeit und Würde. Zugleich wird die Beziehung zu seiner Tochter zum emotionalen Zentrum des Films und verleiht der politischen Repression eine private, existenzielle Dimension. In klar komponierten Bildern reflektiert der Film Strzemińskis eigene Theorie des „Nachbildes“: Wahrnehmung als etwas, das fort- besteht, selbst wenn das Sichtbare verschwindet.