Beyond Bergman

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Einen Filmemacher über sein eigenes Werk hinaus begreifen: Im Falle von „Beyond Bergman“ ist es eine Einladung, Bergman anders zu sehen. Vom 2. - 30. Dezember und anhand von vierzehn Filmen spüren seiner Entwicklung vom Theaterautor zum größten Filmemacher Schwedens nach und widmen uns Filmen, die aus ähnlichen Strukturen kamen, zeitgleich in den Kinos zu sehen waren oder an Bergman erinnern.

Wer 2018 aufmerksam in die Programme der Kinematheken, Filmfestivals und Programmkinos dieser Welt geblickt hat, wird an einem Mann nicht vorbei gekommen sein: Ingmar Bergman. Der bekannteste schwedische Regisseur hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert. Anlass genug für Cineastinnen und Cineasten weltweit, seine Werke noch einmal auf die großen Leinwände renommierter Kulturinstitutionen zu werfen, den Mann und Mythos zu würdigen, ihn vielleicht sogar neu zu entdecken. Über 50 Bühnenproduktionen aus Bergmans Werk und nicht weniger als fünf aktuelle Dokumentarfilme waren zu sehen, dazu etwa ein Dutzend neuer und neu aufgelegter Publikationen. Selbst dem angeblich schlechtesten Bergman-Film SÅNT HÄNDER INTE HÄR (1950), dessen Aufführung der Regisseur nach seinem internationalen Durchbruch vehement verhinderte, wurde erneut Aufmerksamkeit geschenkt: digitale Restaurierung, Wiederaufführung, Reevaluierung. Und was nun?

Eine Antwort ist diese Filmreihe, die bewusst keine Huldigung eines „Regiemeisters“ in Form einer Werkschau vorstellt, sondern durch und mit Ingmar Bergmans Filmen über diese hinaus denkt und Querverbindungen zu anderen Filmemacher*innen herstellt. Filme, die als „inspiriert von Bergman“ gelten, sind genauso Teil der Reihe wie auch Gegenentwürfe zu jenem Kino, das Bergman Zeit seines Lebens geprägt hat, vor allem in Schweden. Die Dominanz eines Ingmar Bergman und seine insulare Position in der schwedischen Filmgeschichte sind fragwürdig und faszinierend zugleich. Seine Prominenz liegt durchaus am internationalen Erfolg und den seinerzeit definierten Thesen zum Autorenkino und einem Film, der den Regisseur als Autor seiner Werke ins Zentrum stellt. Bergman war bekannt dafür, oft mit denselben Personen zusam-menzuarbeiten, etwa seiner langjährigen Partnerin Liv Ullmann als Darstellerin oder Sven Nykvist, seinem Stammkameramann seit 1960 (u.a. PERSONA [1966] und HÖSTSONATEN [1978]). Mit den Jahren etablierte sich ein mehr oder weniger festes Bergman-Ensemble, das mit Harriet Andersson, Bibi Andersson, Ingrid Thulin, Gunnel Lindblom, Gunnar Björnstrand oder Erland Josephson heute als ikonisch für das Kino Bergmans gilt. Seine Filme waren ein Katalysator des schwedischen Starsystems und brachten für viele Schauspieler*innen des Landes den ersehnten Durchbruch. Dass „seine“ Stars später auch in Filmen anderer schwedischer Regisseurinnen und Regisseure, wie Mai Zetterling, gemeinsam vor die Kamera geholt wurden, überrascht nicht, ist außerhalb von Schweden aber kaum bekannt. Bevor Zetterling in den 1960ern den Schritt hinter die Kamera wagte, stand sie in den 1940er-Jahren selbst noch als Darstellerin vor Bergmans Kamera.

„Beyond Bergman“ soll, im Sinne einer bewussten Grenzüberschreitung von Ingmar Bergmans Werk, einen Dialog über Bezüge, Inspirationen und Hommagen anstoßen. Das Jahr 1968, die Halbzeit der 100 Jahre Bergman, bildet einen Schwerpunkt. Gleich drei Filme aus diesem Jahr sind zu sehen – nur einer davon stammt von Bergman selbst. Diese Kernfilme spiegeln eine Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, die gerade in Schweden viele Veränderungen in der nationalen Filmproduktion auslöste: Boom der Filmförderung seit 1963 (Gründung des Schwedischen Filminstituts) und der gleichzeitige Versuch der Emanzipation junger Filmemacherinnen und Filmemacher von Bergman. Im Zusammenhang damit wurde
in Schweden auch auf die internationale Distribution „nationaler Produktionen“ gesetzt – in der Praxis waren damit die Filme von Bergman gemeint. Es ist kein Wunder, dass Bergmans Filme im darauffolgenden Jahrzehnt im globalen Arthousekino nachhallen: Allen, Altman, Fassbinder und viele mehr. (Clara Podlesnigg)

Alle Filme der Reihe werden in ihrer Originalfassung (mit englischen oder deutschen Untertiteln) gezeigt.

 

Das Programm:

SO. 02.12., 17:30 Uhr | SO 23.12. 15:0O

TRESPASSING BERGMAN

S 2013 ∙ 107 min ∙ OmeU ∙ digitalDCP ∙ ab 18 ∙ Regie: Jane Magnusson, Hynek Pallas ∙ Kamera: Jonas Rudström

Eine Pilgerreise nach Fårö wird für Filmemacherinnen und Filmemacher wie Alejandro Gonzales Iñárritu, Claire Denis und Michael Haneke zur intimen Spurensuche nach und Begegnung mit Ingmar Bergman. Diese Mythologisierung der Person(a) Ingmar Bergman ist genauso Thema wie sein unermüdliches Filmschaffen und Privatleben.

Einführung in die Filmreihe: Clara Podlesnigg (Filmmuseum)

 

FR. 07.12., 18:30 Uhr

HETS · DIE HÖRIGE

S 1944 ∙ 101 min ∙ OmeU ∙ digitalDCP ∙ FSK 16 ∙ Regie: Alf Sjöberg ∙ Drehbuch: Ingmar Bergman ∙ Kamera: Martin Bodin ∙ Darsteller: Mai Zetterling, Stig Järrel, Alf Kjellin, Olof Winnerstrand u.a.

In einem Stockholmer Jungen-Gymnasium: Ein Lateinlehrer und Nazisympathisant, genannt Caligula, verbreitet Angst und Schrecken unter seinen Schülern. Besonders der fleißige Jan-Erik bekommt die Tyranneien zu spüren. Caligula verbessert nicht nur Jan-Eriks Latein sondern auch sein Schwedisch, macht sich vor versammelter Mannschaft über ihn lustig – und scheint auch noch Spaß dabei zu haben. Als JanErik das sturzbetrunkene Mädchen Bertha nachts von der Straße aufliest, lernen die beiden sich kennen. Er findet heraus, dass auch sie das Opfer eines Sadisten ist und ihre Sorgen wohl regelmäßig im Alkohol ertränkt. Wem sie allerdings hörig ist, wird ihm erst bewusst, als es kein Entrinnen mehr gibt

 

SA. 08.12., 18:30 Uhr:

ÄLSKANDE PAR · LIEBENDE PAARE

S 1964 ∙ 118 min ∙ OmeU ∙ digitalDCP ∙ ab 18 ∙ Regie: Mai Zetterling ∙ Drehbuch: Mai Zetterling, David Hughes nach einer Vorlage von Agnes von Krusenstjerna ∙ Kamera: Sven Nykvist ∙ Darsteller: Harriet Andersson, Gunnel Lindblom, Gio Petré, Eva Dahlbeck, Gunnar Björnstrand u.a.

Im Zentrum der Handlung stehen drei Frauen, die auf einer Geburtenstation zeitgleich in den Wehen liegen und dabei über ihre eigene Kindheit und die Umstände ihrer Schwangerschaften reflektieren. Die Frauen in ÄLSKANDE PAR – alle dargestellt von Schauspielerinnen aus Bergmans Katalog – sind anders: komplex, lieben wild durch-einander, problematisieren das Patriarchat, ihre Rollenbilder und Mutterschaft.

 

SA. 08.12., 20:30 Uhr:

FLICKORNA · DIE MÄDCHEN

S 1968 ∙ 100 min ∙ OmeU ∙ digitalDCP ∙ ab 18 ∙ Regie: Mai Zetterling ∙ Drehbuch: Mai Zetterling, David Hughes ∙ Kamera: Rune Ericson ∙ Darsteller: Bibi Andersson, Harriet Andersson, Gunnel Lindblom, Gunnar Björnstrand, Erland Josephson, Frank Sundström u.a.

Die „Mädchen“, das sind Liz, Marianne und Gunilla. Gunilla hat Mann und Kinder, Marianne ist alleiner ziehend mit einem Kind von einem verheirateten Mann, Liz ist kinderlos, lebt ohne Partner. Gemeinsam sind sie Teil einer Theatergruppe, die sich mitten in den Proben zu Aristophanes Lysistrata befindet. Die Texte aus Lysistrata ragen in das Leben der Frauen hinein.

 

SO. 09.12., 19:00 Uhr:

STIMULANTIA

S 1967 ∙ 105 min ∙ OmU ∙ digitalDCP ∙ ab 18

„Was stimuliert dich?“ fragt 1967 die größte schwedische Produktionsfirma Svensk Filmindustri. Acht schwedische Filme-macher (darunter ein Team, aber keine Frau) antworten der Frage mit je einem Kurzfilm – einer davon ist Ingmar Bergman.

 

MI. 12.12., 20:00 Uhr:

VARGTIMMEN · DIE STUNDE DES WOLFS

S 1968 ∙ 90 min ∙ OmeU ∙ digitalDCP ∙ FSK ∙ Regie/Drehbuch: Ingmar Bergman ∙ Kamera: Sven Nykvist ∙ Darsteller: Liv Ullmann, Max von Sydow, Ingrid Thulin, Erland Josephson u.a.

Der Künstler Johan Borg, gespielt von Max von Sydow, lebt mit seiner schwangeren Frau Alma (Liv Ullmann) auf einer verlassenen Insel. Er ist geplagt von Schlaflosigkeit, wird von Gespenstern und Dämonen verfolgt – zuerst nur angedeutet, werden diese im Laufe des Films immer realer. Die beiden sind im Schwebezustand gefangen: zwischen Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit, Leben und Tod.

 

SO. 16.12., 19:00 Uhr:

DOM KAllAR OSS MODS · THEY CALL US MISFITS

S 1968 ∙ 101 min ∙ OmeU ∙ 35mm ∙ ab 18 ∙ Regie/Drehbuch: Stefan Jarl, Jan Lindqvist ∙ Kamera: Jan Lindqvist ∙ Darsteller: Kenneth 'Kenta' Gustafsson, Gustav 'Stoffe' Svensson u.a.

Stefan Jarl, Jan Lindqvist begleiten einen Sommer lang eine Gruppe junger Mods – eine Subkultur, die Mitte der 1960er-Jahre nach Schweden kam. Die Mods mochten moderne Musik (z.B. Bob Dylan oder The Who) und interessierten sich für alternative Ideologien. Sie teilten einen Look, der mit den Grenzen traditioneller Geschlechterrollen spielte und ein Ausdruck der Ablehnung gesellschaftlicher Normen sein sollte.

 

SA. 22.12., 18:30 Uhr:

VISKNINGAR OCH ROP · SCHREIE UND FLÜSTERN

S 1973 ∙ 91 min ∙ OmeU ∙ 35mm ∙ FSK ∙ Regie/Drehbuch: Ingmar Bergman ∙ Kamera: Sven Nykvist ∙ Darsteller: Harriet Andersson, Liv Ullmann, Kari Sylwan, Ingrid Thulin u.a.

Die ästhetisierte Inszenierung einer ster-benden Frau. Während ihrer letzten Atemzüge blickt sie auf ihr Leben im Verband einer entfremdeten Familie zurück: Erinnerungen an die schweigende Mutter, die selbst früh starb. Zum Abschied kommen die Schwestern der Sterbenden. Näher als den Blutsverwandten ist sie aber ihrer treuen und gläubigen Dienstmagd.

 

SA. 22.12., 20:30 Uhr:

FONTANE EFFI BRIEST

D 1974 ∙ 140 min ∙ DF ∙ 35mm ∙ FSK 12 ∙ Regie: Rainer Werner Fassbinder ∙ Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder nach einer Vorlage von Theodor Fontane ∙ Kamera: Dietrich Lohmann, Hürgen Jürges ∙ Darsteller: Hanna Schygulla, Wolfgang Schenck, Karheinz Böhm, Ulli Lommel u.a.

Auf den ersten Blick wirkt die Literaturverfilmung wie das formalästhetische Gegenstück zu Bergmans SCHREIE UND FLÜSTERN. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich jedoch mehrere Parallelen zwischen den Filmen. Beide sind als Kostümfilme angelegt. Die langen Kleider und pompösen Frisuren der Schwestern gleichen denen von Effi bis hin zu den weißen Spitzenschirmen. Bergmans eindringliche Rotblenden übersetzt Fassbinder in Weißblenden, die nicht nur das jeweilige Ende der Szene markieren, sondern die Figuren im Aufhellen zu geisterhaft durchscheinenden Gestalten verwandelt.

 

SA. 28.12., 18:30 Uhr:

INTERIORS · INNENLEBEN

USA 1978 ∙ 92 min ∙ OF ∙ digital1080p ∙ FSK 12 ∙ Regie/Drehbuch: Woody Allen ∙ Kamera: Gordon Willis ∙ Darsteller: Geraldine Page, Diane Keaton, Mary Beth Hurt, Kristin Griffith, Richard Jordan u.a.

Allen vereint familiäre Spannungen und verkappte Konflikte mit einer für Bergman typischen Ästhetik, wie Nahaufnahmen der Gesichter. Die Geschichte von drei Schwestern, die mit der Trennung der Eltern und dem Sinnverlust ihrer Mutter klarkommen müssen, war für Allen eine Abkehr vom komödiantischen Ton. Die Dominanz der Mutter, unter der die Töchter nur zu mangelhaftem Selbstbewusstsein gelangen, ein therapeutischer Redefluss sowie die Notwendigkeit künstlerischen Ausdrucks lassen sich auch in Bergmans HÖSTSONATEN aus dem gleichen Jahr finden.

 

SA. 28.12., 20:30 Uhr:

HÖSTSONATEN · HERBSTSONATE

D 1978 ∙ 93 min ∙ OmeU ∙ digitalDCP ∙ FSK 12 ∙ Regie/Drehbuch: Ingmar Bergman ∙ Kamera: Sven Nykvist ∙ Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman, Halvar Björk, Gunnar Björnstrand, Erland Josephson u.a.

Ingrid Bergman spielt in ihrer letzten Kinorolle eine gefeierte Konzertpianistin, die ihre Tochter (Liv Ullmann) besucht. Das Wiedersehen nach sieben Jahren wirkt zunächst herzlich, doch dann brechen alte Konflikte, gegenseitige Vorwürfe und in die Kindheit zurückreichende Komplexe auf.

 

SA. 30.12., 15:00 Uhr:

3 WOMEN

USA 1977 ∙ 124 min ∙ OF ∙ digital1080p ∙ FSK 12 ∙ Regie/Drehbuch: Robert Altman ∙ Kamera: Chuck Roscher ∙ Darsteller: Shelley Duvall, Sissy Spacek, Janice Rule, Robert Fortier, Ruth Nelson, John Cromwell, Sierra Pecheur u.a.

In einer kalifornischen Kleinstadt: Millie Lammoreaux und Pinky Rose, die eigentlich beide Mildred heißen, arbeiten gemeinsam in einem Gesundheitszentrum. Durch Zufall werden sie Mitbewohnerinnen in einem Apartment, das die Künstlerin Willie gemeinsam mit ihrem Mann besitzt. Pinky fängt an, Millie nachzuahmen und zu verfolgen. In der räumlichen Nähe der Figuren werden die einzelnen Umrisse zunehmend unkenntlich – ähnlich wie bei Alma und Elisabeth in Bergmans PERSONA.

 

SA. 30.12., 17:30 Uhr:

PERSONA

S 1966 ∙ 85 min ∙ OmeU ∙ digitalDCP ∙ FSK 12 ∙ Regie/Drehbuch: Ingmar Bergman ∙ Kamera: Sven Nykvist ∙ Darsteller: Liv Ullmann, Bibi Andersson, Margaretha Krook, Gunnar Björnstrand, Jörgen Lindström

Die Schauspielerin Elisabeth verstummt eines Tages. Im Krankenhaus wird sie für geistig gesund befunden. Dem Vorschlag der Chefärztin folgend, fährt sie mit ihrer Krankenschwester Alma ans Meer, wo Patientin und Pflegerin sich im Wechsel von Schweigen und Zuhören zuerst einander öffnen, um sich dann langsam aber sicher ineinander aufzulösen. Die zahllosen Close-Ups führen uns an die beiden heran und lassen sie wieder verschwinden. Sobald der Projektor aus ist, hinterlässt PERSONA ein Nachbild, an dem sich Genera tionen von Filmemacherinnen und Filmemachern abarbeiten werden.