Prekärer Realismus

Am

Der Wunsch, Realität unverfälscht abzubilden, begleitet das Kino seit seinen Anfängen und es haben sich stetig neue filmische Schulen und Strömungen um diesen vielleicht politischsten aller Wünsche gebildet: Leben in seiner Alltäglichkeit wiederzugeben. Die Filmreihe "Prekärer Realismus" entschlüsselt vom 6. bis 24. Februar die Grammatik des filmischen Realismus und geht einigen der wichtigsten Stationen sozialrealistischer Fiktionalisierung nach, fragt aber auch nach inhaltlichen oder ästhetischen Brüchen und nach der Prekarität der Filme selbst.

Der dokumentarische Auftrag des realitätsbezeugenden Filmbildes galt denen, die bisher keine Repräsentation erfahren hatten, den Bevölkerungsschichten am Rande der Gesellschaft, den ökonomisch Benachteiligten und Verstoßenen. Die Geschichte des sozialrealistischen Films ist auch die Geschichte des Kinos, der Realismus demnach seine vielleicht früheste Sprache.

Diese Filmreihe bietet anhand von elf Filmen die Möglichkeit, Vergleiche zu ziehen zwischen der „Neuen Sachlichkeit“ des Weimarer Kinos, dem „Poetischen Realismus“ Frankreichs vor dem Zweiten Weltkrieg, dem einflussreichen „Italienischen Neorealismus“, der „Britischen Neuen Welle“ oder auch der „Berliner Schule“. Diese Vergleiche machen deutlich, dass Realismus stetiger Neudefinition und -konzeption unterworfen ist, auch aufgrund der jeweiligen technischen Möglichkeiten und Entwicklungen. An den verschiedenen Realismen bricht sich die Frage nach einer zugrundeliegenden Realität, die im Bild eingefangen werden könnte. Und ist in jedem Realismus die eigene Antithese enthalten, so steckt in jedem zugleich seine Verneinung. Die Reihe „Prekärer Realismus“ zeigt auf, wie mit filmischen Mitteln Unmittelbarkeit erreicht wird – sei es durch die Besetzung mit Laiendarstellerinnen- und Darstellern und Dreharbeiten an Originalschauplätzen oder durch eine mit totalen Einstellungen und Wirklichkeitseffekten arbeitende Montage, also die betonte Einbindung von scheinbar alltäglichen und banalen Szenen, die nicht die Handlung vorantreiben.

Dem oft mit Handkameras arbeitendem Realismus ist ein eigener Rhythmus zu eigen, mit dem eine filmische Welt ergründet wird, die mit jedem Schwenk unbegrenzt weiter zu existieren scheint. Doch diese Filme zeigen auch die Brüchigkeit dieser Welt. Denn der filmische Realismus ist keinem naturalistischen Ideal verhaftet und kommt der Abbildung vom Wesen der Dinge gerade im Bruch mit der Repräsentation am nächsten: etwa in der Schicksalshaftigkeit von Personen oder Ereignissen (die parabolische Zufallsgemeinschaft in LE QUAI DES BRUMES [1938] oder die sakrale Inszenierung des Zuhälters ACCATTONE [1961]), in der mythischen Aufladung des (Heimat)Landes (die Weite oder die Enge des amerikanischen „Heartlands“ in WANDA [1970] und WINTER’S BONE [2010]) oder in einer bewussten Abkehr von einer internen zu einer allgemeinen Perspektive (die Einsicht in die Figur des Herrn Lăzărescu in MOARTEA DONULUI LĂZĂRESCU [2005], die sich im Verlauf der Handlung ausweitet und bald ein ganzes Ensemble an Figuren umfasst).

Durch den Bruch mit realistischen Darstellungsweisen und Konventionen gewinnt die ökonomische Prekarität der Figuren, ihre Armut und scheinbare Ausweglosigkeit nicht nur neue Ausdruckskraft, sondern auch seltene Momente der Handlungsmacht: So werden die wirtschaftlich schwierigen Verhältnisse in A TASTE OF HONEY (1961) oder FISH TANK (2009) durch die Weltsicht der jugendlichen Protagonistinnen gefiltert und deutlich gemacht, aber auch in Formen von Begehren und Optimismus umgewandelt. Es entstehen neue Verwandtschaftsformen und Zusammenschlüsse, mobilisierende Einsichten und Zukunftsvisionen. Diente die ökonomische Prekarität in Lamprechts DIE VERRUFENEN (1925) noch als Motivation der Geschichte, rückt sie in Valeska Grisebachs SEHNSUCHT (2006) in den Hintergrund. Der Überlebenskampf auf der Grundlage wirtschaftlichen Kapitals weicht einem Verhandeln von emotionalem Kapital. Das „Milljöh“ deutet nicht mehr explizit auf einen drohenden Abstieg hin, sondern ist zu einer gemeinsam belebten Normalität geworden. Der Realismus dieser Filme möchte uns die harsche Alltäglichkeit von Armut und Mangel vor Augen führen, die Poesie seiner Brüche hingegen Augenblicke der Freiheit und mögliche Auswege.

Die Filme:

MI, 06.02., 20:00  ROSETTA

F·B 1999 · 93 min · OmU · 35mm · FSK 6 · Regie/Drehbuch: Jean-Pierre und Luc Dardenne · Kamera: Alain Marcoen · Darsteller: Émilie Dequenne, Fabrizio Rongione, Olivier Gourmet, Anne Yernaux u.a.

FR, 08.02., 19:00  A TASTE OF HONEY · BITTERER HONIG

GB 1961 · 100 min · OF · digitalDCP · FSK 18 · R: Tony Richardson · Drehbuch: Shelagh Delaney, Tony Richardson · Kamera: Desmond Davis · Darsteller: Dora Bryan, Robert Stephens, Rita Tushingham u.a.

FR, 08.02., 21:00  FISH TANK

GB 2009 · 123 min · OmU · 35mm · FSK 12 · Regie/Drehbuch: Andrea Arnold · Kamera: Robbie Ryan · Darsteller: Katie Jarvis, Michael Fassbender, Kierston Wareing, Rebecca Griffiths u.a.

SO, 10.02., 17:30  HAFEN IM NEBEL

F 1938 · 91 min · OmU · digital1080p · FSK 12 · Regie: Marcel Carné · Drehbuch: Jacques Prévert, Pierre Dumarchais · Kamera: Eugen Schüfftan · Darsteller: Jean Gabin, Michel Simon, Michèle Morgan, Pierre Brasseur u.a.

MI, 13.02., 20:00  ACCATTONE · ACCATTONE – WER NIE SEIN BROT MIT TRÄNEN ASS

I 1961 · 117 min · DF · 35mm · FSK 18 · Regie/Drehbuch: Pier Paolo Pasolini · Kamera: Tonino Delli Colli · Darsteller: Franco Citti, Franca Pasut, Silvana Corsini, Adriana Asti, Alfredo Leggi u.a.

SA, 16.02., 19:00  WANDA

USA 1970 · 102 min · OF · 35mm · FSK 18 · Regie/Drehbuch: Barbara Loden · Kamera: Nicholas T. Proferes · Darsteller: Barbara Loden, Michael Higgins, Frank Jourdano, Valerie Manches, Dorothy Shupenes, Peter Shupenes u.a.

SA, 16.02., 21:00  WINTER'S BONE

USA 2010 · 103 min · OmU · 35mm · FSK 12 · Regie: Debra Granik · Drehbuch: Debra Granik, Anne Rosellini nach einer Vorlage von Daniel Woodrell · K: Michael McDonough · Darsteller: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Lauren Sweetser, Garret Dillahunt u.a.

SO, 17.02., 17:30  MOARTEA DOMNULUI LĂZĂRESCU · DER TOD DES HERRN LAZARESCU

ROM 2005 · 153 min · OmeU · 35mm · FSK 16 · Regie: Christi Puiu · Drehbuch: Christi Puiu, Razvan Radulescu · Kamera: Oleg Mutu, Andrei Butica · Darsteller: Ion Fiscuteanu, Luminita Gheorghiu, Anca Puiu, Doru Ana, Monica Bîrlădeanu u.a.

MI, 20.02., 20:00  SANS TOIT NI LOI · VOGELFREI

F 1985 · 100 min · DF · 35mm · FSK 12 · Regie/Drehbuch: Agnès Varda · Kamera: Patrick Blossier · Darsteller: Sandrine Bonnaire, Macha Méril, Stéphane Freiss, Yolande Moreau u.a.

SO, 24.02., 19:00  DIE VERRUFENEN

D 1925 · 113 min · dt. Zwischentitel · digitalDCP · ab 18 · Regie/Drehbuch: Gerhard Lamprecht · Kamera: Karl Hasselmann · Darsteller: Bernhard Goetzke, Aud Egede-Nissen, Mady Christians, Arthuer Bergen u.a.

SO, 24.02., 21:00  SEHNSUCHT

D 2006 · 88 min · DF · 35mm · FSK 12 · Regie/Drehbuch: Valeska Grisebach · Kamera: Bernhard Keller · Darsteller: Andreas Müller, Ilka Welz, Anett Dornbusch u.a.