Hauke Kuhlmann (Bremen): Friedrich Kaisers ‚Lebens- und Charakterbilder‘ im Kontext

1870 schreibt der Wiener Dramatiker Friedrich Kaiser in seiner autobiografischen Schrift „Unter fünfzehn Theater-Direktoren“ über seine Stückeproduktion von 1840, er habe damals einem „neuen Genre, dem des von mir also getauften ‚Lebens- oder Charakterbildes‘ Bahn gebrochen“. Diese Behauptung ist bemerkenswert. Indem Kaiser für sich die Entwicklung eines neuen dramatischen Genres reklamiert, verstellt er den Blick auf eine reichhaltige Textkultur, in der bereits vor und während Kaisers Schreiben Bildbegriffe nicht nur zur Titelfindung, sondern auch zur konzeptuellen Arbeit genutzt werden. Der Bild-Begriff, etwa auch in Heines „Reisebildern“, gewinnt in der Ästhetik der Zeit eine immense Bedeutung. Der Vortrag will Kaisers Stückeproduktion vor diesem literatur-, kultur- und ästhetikgeschichtlichen Hintergrund verorten. Auch soll an ausgewählten Beispielen gezeigt werden, welchen Gewinn die Stücke aus ihrem Bezug auf das Bild-Paradigma ziehen.

Hauke Kuhlmann, geboren 1985, studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Bremen und wurde dort 2016 mit einer Arbeit über Formen der Kohärenz in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ promoviert. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen und bereitet ein Forschungsprojekt zur Gegenwartsliteratur vor.

 


Florian Pehlke (Bremen): ‚Ethnographien‘ in groben Zügen. Typisierung und Skizze bei Mundt, Lewald und Weerth

Auch durch Vorschub der „Reisebilder“ gewinnen in der Publizistik der Heine-Zeit Prosaskizzen ‚ethnographischen‘ Zuschnitts an Beliebtheit. Das sind Texte, in denen der skizzentheoretische Diskurs hinsichtlich des Potentials zu grober Erfassung und Entdifferenzierung adressiert wird – Texte mithin, die an Typisierungen in ‚groben Zügen‘ interessiert sind. Zum einen erweist sich dies als Option, den Zugriff auf den Gegenstand zu stabilisieren, zum anderen wird so Satirisches möglich. Solchem literarisch-‚ethnographischen‘ Blick gelingt es, ‚charakteristische‘ Beobachtungen zu ganzen Volkstypiken hochzurechnen. Der Vortrag möchte Textstrategien und literarische Orientierungen solcher Skizzen bei Theodor Mundt, August Lewald u.a. rekonstruieren.

Florian Pehlke, geboren 1987, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Deutsche Literatur in Münster und Berlin. Seit 2014 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der AG Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bremen. Derzeit arbeitet er an einem Dissertationsprojekt zur Kulturgeschichte und Poetik der Skizze.

 


Niklas Schlottmann (Berlin): „Oder willst du küssen das blanke Schwert?“ – Die erste Liebe bei Heinrich Heine

Mit dem roten Sefchen ist Heinrich Heines erste große Liebe gemeint, die ihren Namen (eigentlich Josepha) nicht nur der roten Haarfarbe verdankt. Rot ist auch das Blut, das am Richtschwert ihres Vaters und Großvaters klebt, bei dem das Sefchen, neben ihrer Tante, einer hauptberuflichen Hexe, aufwächst – für den Kaufmannssohn eine denkbar unstatthafte Wahl – und für den sich in den Memoiren zurückerinnernden Dichter und Linksintellektuellen Heine die Gelegenheit, den ersten Kuss als initialen Bekenntnismoment zu stilisieren: zur Revolution, zur Frau, zum Genuss. Damit liefert er ein besonders schönes Beispiel für das im 19. Jahrhundert sich in die noch heute gebräuchliche Form herausbildende Liebesdiskursfragment des ersten Mals. Auffällig ist die Verschränkung von Erotik, Politik und Poetik, die gewissermaßen im Kontext einer Sprache der ersten Liebe diskutiert werden soll.

Niklas Schlottmann, geboren 1988 in Gütersloh, studierte Deutsche Literatur und Philosophie in Tübingen, Wien und Berlin. Nach einem Übergangsstipendium der a.r.t.e.s. Graduiertenschule an der Universität Köln hat er in diesem Jahr seine Promotion zum Thema „Poetik der Liebesbedingungen. Verliebtheit, Liebe und Übertragung bei Gottfried Keller“ an der Humboldt-Universität zu Berlin begonnen.

 

Andrew Warren (Toronto): Heinrich Heine und das Mittelalter

Lebenslang hat Heine sich mit der Literatur und Kultur des deutschen Mittelalters auseinandergesetzt. In der „Romantischen Schule“ verkündet er, die Romantik sei „nichts anderes als die Wiederentdeckung der Poesie des Mittelalters“. Gegenüber Positionen der Heineforschung, die seine Kritik an der Romantik mit einer Abneigung gegen das Mittelalter gleichsetzen, soll gezeigt werden, wie Heine durch die Loslösung des Mittelalters von der Romantik in der Lage ist, dem dominanten Narrativ von der deutschen Geschichte seitens der Romantiker ein politisch progressives Narrativ der Geschichte gegenüberzustellen. Heine artikuliert seine neue Vision von deutscher Kunst und Kultur in „De l’Allemagne“ und sieht die Schönheit der mittelalterlichen Poesie mit dem deutschen Pantheismus verbunden. Der Vortrag geht dieser Sicht Heines nach und untersucht, wie Heine für das Lesen und die Rezeption des Mittelalters als progressives und pantheistisches Zeitalter wirbt.

Andrew Warren, geboren 1974, B.A. in Music an der University of Calgary, M.A. in German Languages and Literatures an der University of Toronto mit einer Arbeit über „Heine’s Pilgrimage : Re-reading ,Die Harzreise’ against his Biography“, arbeitet bei Prof. Willi Goetschel an der University of Toronto an einer Dissertation zum Thema „Heine the Medievalist“.

 

Philipp Ritzen (Düsseldorf): Gespenster, Geister und Verfluchte – vom Tod in Heinrich Heines „Romanzero“

Heine verfasste den „Romanzero“ bekanntlich zu großen Teilen in der „Matratzengruft zu Paris“, einem „Grab ohne Ruhe“, wo man ihm „längst das Maß genommen zum Sarg, auch zum Nekrolog“. Allein aufgrund dieser spezifischen Entstehungsgeschichte verwundert es nicht, dass der Tod ein immer wiederkehrendes Thema im „Romanzero“ darstellt. Auffallend ist dabei, dass eine, wie auch immer geartete, Existenz nach dem Tode – und hier bietet der  „Romanzero“ gleich mehrere Varianten an – nicht mit einer Hoffnung auf Gerechtigkeit oder ein besseres ‚Leben‘ im Jenseits verbunden wird. Ausgehend von der These Georg Steiners, dass der Tod „Zentrum jeder echten Kultur“ sei, widmet sich der Vortrag der Frage, welches Bild von Kultur und von der Verfasstheit der Welt im Allgemeinen der Romanzero durch seinen spezifischen Umgang mit dem Tod zeichnet.

Philipp Ritzen, geboren 1983, studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Alte Geschichte an der Universität Bonn. Seit 2011 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Düsseldorf. Im Mai 2017 Promotion mit der Arbeit „Mythisches Denken in Heinrich Heines ‚Romanzero‘„.

 

Giuseppina Cimmino (Neapel - Bonn): Zwischen Zeitporträt und Literaturgeschichte. Zur Form der ,Charakteristik’ im Vormärz

Vor dem Hintergrund der supplementären Funktion, die ,Literatur’ im Vormärz ausübt, wird im Vortrag in einem ersten Schritt die besondere Konjunktur der Literaturkritik in diesem Zeitraum thematisiert; in einem zweiten Schritt wird der Fokus auf die Aktualisierung der Form der ,Charakteristik’ gerichtet. Die gattungsgeschichtlichen Verschiebungen, die diese Form erfährt (und die nicht zuletzt auf den Anspruch auf Zeitdiagnose zurückgeführt werden können), werden am Beispiel von Ludolf Wienbargs Sammlung „Zur neuesten Literatur“ (1835) und Karl Gutzkows „Über Goethe im Wendepunkte zweier Jahrhunderte“ (1837) näher bestimmt. Leitend ist die These, dass die Kategorie der ,Zeit’ bzw. ,Gegenwart’ bei der Kritik textimmanente Analysen in den Hintergrund treten lässt. Ergänzt wird das analytische Spektrum durch vergleichende Hinweise auf die Form der ,Charakteristik’ in der Romantik sowie auf Heines zeitgleiche Leistung.

Giuseppina Cimmino, geboren 1985, studierte Germanistik und Übersetzungswissenschaft an der Universität „L’Orientale“ Neapel. Derzeit ist sie Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und promoviert zum Thema „Verlust und Latenz. Gegenwartsfiguren und -erfahrungen in Kritik und Ästhetik des Vormärz (1830-1848)“.