21. Internationales Forum Junge Heine Forschung

William Ohm (Toronto)
Die durchgeistigte Körpersprache: Sensualismus und Stil in Heines Philosophieschrift

Es war nachweislich vor allem Heines 'Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland', die das berüchtigte Bundestagsverbot von 1835 provozierte. Dabei berief man sich zum einen auf Heines Forderung nach einer Befreiung der Sinnlichkeit, zum anderen auf den »verführerischen« Stil. Sowohl Sensualismus – Heines Ausdruck für eine Bewegung, die die Emanzipation der Sinnlichkeit beabsichtigt – als auch Schreibart gelten als zentrale Aspekte seines Werks. Doch obwohl Heine selbst auf eine Beziehung zwischen Sensualismus und Stil hindeutet und ihre Wichtigkeit signalisiert, ist sie kaum erforscht. Gezeigt wird, dass die Philosophieschrift eine sensualistisch-geprägte Stilauffassung birgt, welche auch in der Schreibart zum Ausdruck kommt: Es ist die Vorstellung, dass die Verwirklichung von Ideen eine Sprache verlangt, welche die von dem Sensualismus erstrebte Versöhnung von Geist und Materie selbst vollzieht.

William Ohm, geboren 1985, studierte Germanistik, Geschichte und Rhetorik an der University of Toronto, Kanada. Ab 2013 PhD-Studium in Deutscher Literatur, Kultur und Theorie an der University of Toronto. Arbeitet derzeit an einer Dissertation über den Zusammenhang zwischen Sensualismus und Stil im Werk Heinrich Heines.

 

Dr. Michael Rodegang Drescher (Heidelberg)
Lachende Exorzismen. Mythologische Resignifikation in Heines 'Deutschland. Ein Wintermärchen'

Als Heine im Jahre 1843 wieder deutschen Boden betritt, schreibt er an Campe, er habe so "mancherley Verse" gemacht. Diese Verse dürfen wir heute als ernste und zugleich heitere Gesellschaftsanalyse lesen und feiern. Denn was Heine mit 'Deutschland. Ein Wintermärchen' (1844) liefert, ist nicht nur eine scharfzüngige Kritik des politischen und kulturellen Ist-Zustandes der deutschen Länder; es ist auch ein fröhlicher, fast frohlockender Versuch, den dominanten Mächten die Legitimation abzusprechen und eine neue, demokratischere Gottheit zu inthronisieren. Der Text ist der lyrische und politische Versuch, die grundlegendsten Mythen des Deutschen Bundes abzusetzen, umzuwandeln, neu zu denken. Heines Exorzismen treffen gezielt die romantischen und romantisierenden Mythen der Germanomanen und der Mittelalterverliebten: Er denaturalisiert die monarchischen und christlichen Grundmythologien der Zeit, um einen neuen, zeitkompatiblen Mythos zu konstruieren. Es ist Gegenstand dieses Vortrages, diesen Prozess – der sich als mythologische Resignifikation beschreiben lässt – greifbar und anschaulich zu machen.

Michael R. Drescher, geboren 1985, studierte Literatur, Politik und Recht an der Universität Heidelberg und Western Ontario. Nach seinen Studien in Heidelberg und Harvard promovierte er 2016 mit einer Arbeit, welche Transformationen deutscher und amerikanischer Gründungsmythen analysierte. Er ist zurzeit Research Consultant bei Kienbaum und lehrt und forscht im Bereich Literatursoziologie im Spannungsfeld Literatur und Wirtschaft an der Universität Heidelberg.

 

Nora Schön (Düsseldorf)
"Nur in der Tiefe des Gemüthes". 'Freiheit', 'Nation' und 'Politische Lyrik' in Heinrich Heines Zeitgedichten

"Nicht mehr baarfuß […] durch die Sümpfe" traben und "[e]ine warme Pudelmütze" für ihr Haupt – diese Versprechungen, die der personifizierten Freiheit gemacht werden, zeigen bereits die scharfsinnige und einfallsreiche stilistische Verarbeitung der Themenkomplexe 'Freiheit', 'Nation' und 'Politische Lyrik' in Heinrich Heines Zeitgedichten. Auf vielfältigste Art und Weise wird in den 1844 erschienenen Gedichten mehr Liberalität gefordert und werden Zensur sowie vermeintliche Zugeständnisse seitens der Fürsten und Könige kritisiert. Die Argumente eines chauvinistischen Nationalismus erscheinen lächerlich und die sogenannte 'Tendenzpoesie', die lediglich 'laut tönt' und 'scheppert', ohne ästhetisch zu sein, wird durch die Form der Zeitgedichte eines Besseren belehrt. Im Vortrag soll deutlich werden, wie die Variation der oben genannten Motive die Aussage- und Wirkungskraft der Gedichte erzeugt und noch heute den Eindruck ihrer Aktualität und Zeitlosigkeit bewirkt.

Nora Schön, geboren 1990, studierte Germanistik und Erziehungswissenschaft (B.A.) in Tübingen. Anschließendes Masterstudium der Deutschen Literatur an der Universität Tübingen mit einer Abschlussarbeit zu Heinrich Heines 'Zeitgedichten'. Seit April 2018 ist sie wissenschaftliche Volontärin am Heinrich-Heine-Institut der Landeshauptstadt Düsseldorf.

 

Gesa Jessen (Oxford - Berlin)
"und dass ich selbst wieder zerrinnen möchte". Dynamiken von Wasser, Selbst und Gender beim frühen Heine

In dem Wasser von Flüssen und Bächen, Meeren und Badeanstalten fließen bei Heine gesellschaftliche Makrostrukturen und bürgerliche Innerlichkeit zusammen. Der Spur des Wassers durch die Reisebilder und die frühe Dichtung zu folgen, erlaubt es uns nicht nur, die kulturelle Aufladung von Gewässern in der Biedermeierzeit nachzuvollziehen, sondern auch eine Poetik des Wassers zu entdecken, mithilfe derer Heine sich dem politischen Charakter, der Struktur des Begehrens und der Geschlechtlichkeit des bürgerlichen Subjekts annimmt. Vor dem Hintergrund von Wasserpolitik als einem identitätsstiftenden Projekt für die sich neu formierende deutsche Gesellschaft wird dieser Vortrag eine Heine-Lektüre versuchen, die Wasser als Umweltfaktor, als Politikum, als Symbol und als poetischem Prinzip gerecht wird.

Gesa Jessen, geboren 1989, hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin studiert. Momentan promoviert sie zu der Beziehung von Literatur, Natur und Gender in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der University of Oxford.

 

Hannah Pillin (München)
Semantische Dimensionen in Heines Dichtung und ihrer Vertonung

Die Schnittmenge zwischen Lyrik und Musik löst die grundlegende Frage nach dem Verhältnis beider Kunstformen aus. Der Vortrag widmet sich anhand des Gedichtes Du bist wie eine Blume sowie zweier seiner Vertonungen von Schumann und Liszt der Verwendung von Sprache in Heines Lyrik und der Musik – im Spannungsverhältnis zwischen Syntax und Semantik, zwischen Form und Inhalt. Er wird besonders die semantischen Dimensionen, die die Verwendung der Musik dem Gedicht hinzufügt, aufzeigen und, ferner, analysieren, ob durch die musikalische Komponente ein größerer Bedeutungsreichtum erzielt wird. Hieran knüpfen das kulturwissenschaftliche und philosophische Thema des Zeitpunktes der Abgeschlossenheit von Kunstwerken und die Frage an, ob die Musik dem Urtext in erster Linie zu deutendes Material hinzufügt oder vielmehr in Form der Stimme einer Deutungshypothese fungiert. Sprache und Musik – Isomorphie, Hierarchie oder Symbiose?

Hannah Pillin, geboren 1996, studiert im dritten Jahr ihres Bachelorstudiums Philosophie mit dem Nebenfach Sprache Literatur Kultur an der Ludwig Maximilians Universität München. In ihrem Studium widmet sie sich besonders der mathematischen sowie philosophischen Logik, der Linguistik und der deutschen Literaturwissenschaft .

 

Vera Höltschi (Brüssel - Namur)
Heinrich Heines 'Doktor Faust'. Das Ballettlibretto als Literatur

Der Tanz ist ein wiederkehrendes Motiv in Heines Oeuvre. Ihm kommen zwar verschiedene Bedeutungen zu, aber kennzeichnend ist, dass der Autor in seinem Werk wahrlich Kritik am  Ballett übte, so auch im Ballettlibretto Doktor Faust (1846). Möglicherweise kam es aus diesem Grund niemals zu einer Aufführung. Des Weiteren wurde sein Entwurf zu seiner Zeit als bühnenuntauglich abgelehnt, denn er galt als zu gewagt (u.a. aufgrund der erotisch aufgeladenen Szenen). Anhand der bekanntesten Libretto-Fassung, die Heines Text als Vorlage verwendete, nämlich Abraxas von Werner Egk (1948), soll zwischen den von Schriftstellern erfassten Libretti und den von Komponisten oder Choreographen unterschieden werden, um zu klären, weshalb ein Libretto allgemein als literarisches Objekt behandelt werden soll. Es gilt zu untersuchen, wie eine literarische Quelle für den Tanz adaptiert wird und was bei Heine 'tanzbar' ist.

Vera Höltschi, geboren 1993, studierte an der Université Saint-Louis in Brüssel sowie an der Université catholique de Louvain ("bachelier" und "master en langues et littérature modernes germaniques"). Sie arbeitet als Assistentin für deutsche Literatur an der Université de Namur und beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit dem "Tanzmotiv in den Faustwerken von Goethe, Heine und Thomas Mann".

 

Sibel Baran (Ankara)
Motivanalyse des Novellenfragments 'Florentinische Nächte' von Heinrich Heine

Heine stach mit einer Reihe von politischen Schriften in das Wespennest der restaurativen Herrschaft in Deutschland, wodurch er mit großem Gegendruck konfrontiert wurde. Veranlasst durch die systematische Repressionspolitik des Staates war Heine gezwungen, seinen Ton zu mäßigen. Vor diesem Hintergrund entstanden die Florentinischen Nächte als ein "welterfreuliches und amüsantes Buch". Dieser Vortrag widmet sich der Fragestellung, ob sich ein zeitkritischer Dichter wie Heine, der seiner "Soldatenpflicht" stets eifrig mit der "Feder" nachging, mit einem unverfänglichen Erzählversuch zufrieden gab. In diesem Zusammenhang wird der Versuch unternommen, Motive und Motivkomplexe der Florentinischen Nächte herauszuarbeiten und sie auf ihre jeweilige politische und gesellschaftskritische Konnotation zu überprüfen.

Sibel Baran, 1983 geboren, studierte Deutsche Sprache und Literatur an der Cumhuriyet Universität in Sivas (Bachelor), an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Erasmus-Programm) sowie an der Hacettepe Universität in Ankara (Master). Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Hacettepe Universität.

 

Julia Kristina Kitzmann (Tübingen)
Demaskierung der Gewalt. Intertextuelle Bezüge zwischen Heines 'Die weiße Blume' und Goethes 'Heidenröslein'

Einen "große[n] Mann in einem seidnen Rock", einen "Aristokratenknecht" nannte Heinrich Heine Johann Wolfgang Goethe zu Beginn seines dichterischen Schaffens. Immer wieder nahm er in seinen Werken auf die des Weimarer Dichterfürsten Bezug. Im Mittelpunkt des Vortrags steht die intertextuelle Relation zwischen Goethes 'Heidenröslein' und Heines 'Die weiße Blume', die in der Forschung bislang kaum Beachtung fand. Ziel des Vortrages ist es, die Sonderrolle dieses Gedichtpaares nachzuweisen. Schließlich geht es Heine nicht um die (vor allem dekonstruktive) Absage an das Modell der Erlebnislyrik. Vielmehr etabliert der junge Dichter ein neues, positiv-normatives Modell von Geschlechterrollen und Liebe.

Julia Kristina Kitzmann, geboren 1995, studierte Germanistik und Politikwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen (Titel der Bachelorarbeit: "Frühe Auseinandersetzungen mit dem 'großen[n] Mann in einem seidnen Rock'- Die intertextuellen Bezüge auf Goethes Sesenheimer Lieder in Heines 'Buch der Lieder'"). Sie ist seit 2014 Stipendiatin der Studienstift ung des deutschen Volkes. Im Oktober 2018 hat sie ihr Masterstudium (Deutsche Literatur) in Tübingen begonnen.