Foto von Eberhard Gebauer mit seinen Enkeln Paul und Ava
Eberhard Gebauer mit seinen Enkeln Paul und Ava

5 Jahre Liga Live oder: Was macht die Musikschule so wertvoll?

von Eberhard Gebauer

Die meisten Männer und sicher auch viele Frauen denken beim Wort Liga Live an die gleichnamige samstägliche Fußballsendung im Radio. Ich denke hierbei lieber an den Liedergarten der Clara-Schumann Musikschule, der jeden Mittwochnachmittag zum Treffpunkt von Kindern und ihren Eltern und manchmal auch Großeltern wird. Es ist ein klangvoller Begriff, der anregt und nicht ohne Grund an Kindergarten denken lässt. Im Liedergarten dreht sich zwar auch vieles um Spiele, aber hier läuft keiner einem Ball nach. Hier geht es stattdessen um die spielerische Begegnung mit der Musik – auch auf einem grünen Rasen, der aber in unserem Liedergarten zum grünen Teppich geworden ist. Lieder und Spiele werden gut kombiniert und verstärken sich gegenseitig.

Einer meiner Lieblingsautoren, Vicco von Bülow, auch bekannt unter dem Namen Loriot, war ein Freund des feinen Humors. Viele seiner stimmungsvollen und schon legendären Texte und Bilder wie das Jodel-Diplom oder das Familiensingen am lamettageschmückten Weihnachtsbaum haben auch etwas mit Musik zu tun. Der Hundefreund Loriot sagte einmal, ein Leben ohne Möpse sei möglich aber nicht sinnvoll. Dieser Vergleich lässt sich mit etwas Mut und Phantasie auch auf die Musikschule übertragen. Sicher ist ein Leben ohne Musikschule möglich, aber es wäre ohne Musik und ohne den Liedergarten trister und ärmer an allen Sinnen. Und manchmal ging es ja auf dem grünen Teppich auch recht „mopsfidel“ zu. Der grüne Teppich unseres Liedergartens steht schließlich für Optimismus, für Natur und Umwelt. Mit der Farbe Grün verbindet sich Hoffnung, Freude und Fröhlichkeit. Es ist die Farbe des Wachsens und guten Gedeihens.

Ich hatte das große Glück, den Liedergarten Woche für Woche live zu erleben. Meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen mit meinem Enkel Leo habe ich in drei Episoden für die Zeitschrift TRIANGEL aufgeschrieben (TRIANGEL September 2013 bis September 2014). Leo hat den Staffelstab der Musik inzwischen an seinen Bruder Paul weitergegeben. Paul und ich haben auf dem grünen Teppich zusammen mit den anderen kleinen und großen „Liedergärtnern“ weiterhin gespielt, gesungen, gegessen, gefeiert, einen Schritt vor und einen zur Seite gemacht. Dann gab’s Applaus. Wir sind unter der Regie und Moderation von Birgitta Porfetye im Kreis gelaufen, in die Knie gegangen, haben uns gedreht und gewendet, getanzt, mit den Füßen gestampft und gestapft, liebten es zu hüpfen, zu rennen und zu stehen, haben geklatscht, mit den Händen geschnippt, mit den Fingern auf Nase und Mund gezeigt. Zu Musikanten wurden wir und wie drehende Karussells ging es immer rund herum. Wir haben Tore geöffnet und wieder geschlossen. Dem Mond haben wir ein Gesicht verliehen, getrommelt, gepfiffen, gelacht und das Xylophon zur Rutschbahn für Kastanien gemacht. Wir waren groß und klein, hoch und tief, gerade und schief. Den Wagen haben wir angespannt, denn der Wind trieb Wolken übers Land. Bewegung, die Spaß und gute Laune schafft. Die gute Stimmung hat auch die Eltern untereinander ins Gespräch kommen lassen. Bei den gelegentlichen Lokal-Treffen bei einem Glas Bier und gutem Essen ging es nicht nur um die Themenwelt der Musik.

Nun sind 5 Jahre lebendiger Liedergarten vorbei. Paul ist in die musikalische Früherziehung aufgerückt, muss auf meine Nähe und Mitwirkung verzichten. Doch der musikalische Mittwoch bleibt mir auch in Zukunft erhalten. Nur ist mein Platz nicht mehr auf dem Teppich. Ich sitze draußen vor der Tür und höre ab und an die Kinder sprechen, singen oder trommeln. Eine gute Wartezeit also, ein Resümee der fünf Jahre Liga Live zu ziehen.

Foto: Geburtstagsfeier im Liedergarten
Leo feiert seinen Geburtstag im Liedergarten mit Opa und Birgitta Porfetye.

Der eine oder andere wird fragen, was sind schon fünf Jahre in einem langen Leben? Wenn es die ersten fünf Lebensjahre sind, bringen sie den Kindern kostbare und wertvolle Zeit im Aufwachsen und in ihrer Entwicklung. Zeit für Eltern und Kind, Betreuer und Begleiter, Schätze der Begabung zu entdecken, zu fördern und zu pflegen. Hier zeigt die Musikschule ihr Können und ihre Stärken.

Das alles macht die gute Schule der Musik für die Kinder und ihr weiteres Leben so wichtig. Im Liedergarten erfahren die Kinder, wie Musik bewegt, wie sie im Sinne des Wortes zur Musik zum Anfassen wird und mit allen Sinnen zu greifen, hören, sehen, fühlen und zu schmecken ist. Beliebt sind auf dem grünen Teppich vor allem die „schmackhaften“ Lieder. Obst in jeder Variation kommt gut an. Ob als Kirsche, Pflaume oder Apfel, natürlich mit dem musikalischen Warnhinweis, dass die Kerne nicht mitgegessen werden dürfen, sondern auf eine Serviette auszuspucken sind. Beim Apfel interessiert die Kinder eher Birgittas Vergleich des aufgeschnittenen Innenlebens mit einem richtigen Häuschen.   

Wir haben im Liedergarten auf dem grünen Teppich auch gerne Feste gefeiert. Wenn Birgitta die schottisch karierte Tischdecke und den skandinavischen Geburtstagsständer aufbaute, wussten die Kinder, bald gibt es etwas Leckeres zu essen, meist waren es Muffins mit dem beliebten Gummibärchen-Dekor. Zuvor galt es aber, dem Liedergartenkind ein herzliches Geburtstagsständchen zu präsentieren. Oft erklang nicht das übliche „Happy Birthday to you“, sondern das schönere Glückwunschlied „Zum Geburtstag kommen wir und wir gratulieren dir, Freude, Glück und gutes Leben möge dir der Himmel geben, ja das wünschen wir und gratulieren dir“. Oft haben wir Birgitta zuliebe, die eine begeisterte Kanonsängerin ist, dieses Lied auch im Kanon gesungen, dann musste der Muffins-Schmaus etwas länger warten. Den Kerzenständer durften alle Kinder mit kleinen bunten Holzfiguren bestücken. Die Kerze zum Leuchten zu bringen, war allerdings dem Geburtstagskind vorbehalten, ebenso wie das Auspusten, obwohl der eine oder andere auch schon mal heimlich mitgepustet hat.

Wir haben aber nicht nur Geburtstage gefeiert sondern auch Hochzeiten. Natürlich nur musikalisch. Es war zunächst der bekannte Vogel, der Hochzeit machen wollte. Kennen Sie eigentlich alle 15 Mitwirkenden? Zu Lerche, Auerhahn, Meise und Taube hat man die passenden Hochzeitsreime parat. Aber bei Frau Kratzefuß und dem Finkelein fällt einem sicher nichts mehr ein. Das Lied ist sicher die Mutter aller heutigen Hochzeitdienste. Hier wird einfach an alles gedacht, was sich Braut und Bräutigam zur Hochzeit nur wünschen können.

Wir haben im Liedergarten viele Tiere und Menschen musikalisch kennengelernt und sie sind uns in den Jahren lieb geworden und gehören zum Kosmos des Liedergartens. Warum also nicht auch sie mal zur Vogelhochzeit einladen und auf die Gästeliste nehmen? Etwa den Pinguin, alle meine Entchen oder den gutgelaunten Gorilla mit der Sonnenbrille. Zugesagt hatte nun auch noch der Frosch Quak-Quak, der ein großes Froschkonzert zur Hochzeit versprochen hatte. Und dann folgten schließlich noch die kleinen (Gummi-)Bärchen der Einladung. Da kam die Amsel noch auf die Idee, auch die Sonne, den Mond und die Sterne zum Feste einzuladen. Und alle wollten kommen. Die Sonne tauchte die Hochzeitsgesellschaft in ein güldenes Licht, der Mond wachte in der Nacht und die Sterne funkelten um die Wette und sorgten für eine fröhliche Stimmung. Nun konnte die große Vogelhochzeit starten und zum Schluss sangen alle Vögel gemeinsam mit der Sonne, dem Mond und allen Sternen zur großen Freude von Braut und Bräutigam.

Die Sonne stand beim Liedergarten oft im Mittelpunkt. Und wenn sie selbst keine Zeit oder Lust hatte, persönlich zu erscheinen, holte Birgitta eine orangefarbige Decke, unter der sich dann ein Kind verstecken und unter einer Wolke wieder auftauchen konnte. Es ist eines der beliebtesten Singspiele auf dem grünen Teppich.

Der Liedergarten ist ein Kreis aus vielen Kulturen, ob aus Japan, Spanien, Deutschland oder der Türkei – Musik verbindet, wie die Hände, die sich im Spiel zum Kreis schließen. „Guten Tag, guten Tag, guten Tag, sag ich dir, weil ich dich so gern mag“, so beginnt in der Regel der Liedergarten. „Gib mir die Hand, halt meine  Hand“, so schließt meist die Stunde des Liedergartens, „bis zum nächsten Mal“.

Ich freue mich schon auf das nächste Mal und eine Rückkehr auf den grünen Teppich. Mein Enkelkind Ava ist im Herbst nächsten Jahres „liedergartenreif“ und ich nehme auch sie dann sehr gern mit auf die schöne Reise durch die Welt von Musik und Spiel.