Naturdämmstoffe

Es muss nicht immer Styropor oder Mineralwolle sein: Ökologische Alternativen sind längst praxistauglich, bieten mehr als nur Wärmedämmung und sind im Kommen.
Der Winter steht vor der Tür und wer seinen Altbau noch nicht gedämmt hat, wird ein weiteres Jahr mit hohen Brennstoffkosten und unbehaglichem Raumklima durch kalte Wände und Böden erleben. Laut Passivhaus-Institut Darmstadt verliert das Standardhaus bis zur Hälfte seiner Heizenergie über Außenwände, Dach und Fenster. Die Energiepreise für Privathaushalte haben sich zwischen 2000 und 2013 um 180 bis 200 Prozent erhöht, so das statistische Bundesamt. Jenseits finanzieller Gründe gibt es auch bautechnische für eine gute Dämmung der Gebäudehülle: Sie kann Schimmel reduzieren oder beseitigen und seinem Entstehen vorbeugen – wenn sie fachgerecht ausgeführt wird. Schließlich ist es im Sinne des Klimaschutzes, Heizenergie einzusparen, und wird deshalb von der KfW und anderen Institutionen gefördert. Im Förderprogramm „Klimafreundliches Wohnen und Arbeiten in Düsseldorf“ erhalten ökologische Dämmstoffe einen besonders hohen Zuschuss.

Polystyrol hat viele Nachteile – außer dem Preis

Wer sich mit Dämmstoffen befasst, landet schnell bei Polystyrol, besser bekannt unter dem Markennamen Styropor. Dessen klarer Vorteil ist der niedrige Preis, aber das Material ist aus verschiedenen Gründen problematisch. Zuletzt war es im Zusammenhang mit dem verheerenden Hochhausbrand in London in der Kritik. In der Produktion wird Erdöl und viel Energie benötigt, das für den Brandschutz zugesetzte Brom ist schwer abbaubar und giftig für Wasserorganismen. Zudem ist Styropor in der Praxis schwer zu recyceln, da häufig verschmutzt. Es wird in der Regel thermisch verwertet.

Mineralwolle ist nicht die einzige Alternative

Es gibt also gute Gründe, über Alternativen nachzudenken. Dies sind nicht nur Stein- und Glaswolle, sondern zunehmend auch Naturbaustoffe. Sie haben aktuell nur einen kleinen Marktanteil von etwa zehn Prozent bei der Dämmung von Altbauten. Immer mehr ökologische Dämmstoffe sind aber in praxistauglicher Ausführung am Markt erhältlich. Sie haben sehr häufig Vorteile bei der Verarbeitung, bieten meist mehr sommerlichen Wärmeschutz und sind aus ökologischen Gesichtspunkten grundsätzlich die bessere Wahl. So brauchen beispielsweise Zelluloseflocken und Hobelspäne in der Herstellung nur ein Zehntel der Energie als Polystyrol. Und oft bieten Naturdämmstoffe gleiche oder gar bessere Dämmeigenschaften.
Zwei aktuelle Forschungsvorhaben könnten die Verbreitung von Naturdämmstoffen fördern und damit auch zu günstigeren Preisen führen. Im Projekt „NawaRo-Dämmstoffe“ arbeiten zwölf Forschungseinrichtungen, dreizehn Industriepartner und drei Verbände zusammen. Koordiniert vom Fraunhofer-Institut für Holzforschung wollen sie Materialkennwerte ermitteln und Messverfahren entwickeln. Dadurch sollen pflanzliche Dämmstoffe künftig Baugenehmigungsverfahren deutlich einfacher durchlaufen können. Das zweite Projekt „StaR-Dämm“ wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert und von der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) getragen. Gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und dem Thünen-Institut für Holzforschung (TI) sollen Fachdialoge und Öffentlichkeitsarbeit bestehende Hemmnisse beim Einsatz von Naturdämmstoffen identifizieren und Lösungsvorschläge erarbeiten. Die FNR hat bereits eine Marktübersicht zu Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen veröffentlicht.

Siegel und Fachberatung beachten

Ein Newsletter kann keine Fachberatung ersetzen und auch keinen detaillierten Marktüberblick geben. Jeder Altbau hat seine Eigenheiten, deshalb ist die Beratung durch erfahrene Firmen und Handwerker oder durch Fachplaner und -händler gerade bei neuen Materialien sinnvoll. Beim Kauf sollte man nicht nur auf den Preis, sondern auch auf die beiden Siegel „Blauer Engel“ sowie „Natureplus“ achten. Auch seriöse Tests wie etwa von der Zeitschrift Öko-Test oder dem Institut Bauen und Umwelt können bei der Entscheidungsfindung helfen. Manche der oft noch kleinen Anbieter von Naturdämmstoffen sparen sich die Zertifizierungskosten, deshalb können auch Produkte ohne Siegel ökologisch hochwertig und sinnvoll sein. Natürlich muss auf den Brandschutz geachtet werden. Ein Naturbaustoff mit chemischen Zusätzen gegen Insektenbefall oder Brandschutz kann unter Umständen schlechter oder gleich-schlecht sein, wie ein konventioneller Dämmstoff.

Eine kurze Marktübersicht

Grundsätzlich kann der Markt für Naturdämmstoffe in zwei große Gruppen unterteilt werden: Hanf, Holz (Platten, Späne, Wolle) und Zellulose (nicht im engeren Sinne ein Naturbaustoff, sondern ein recycelter. Es gibt auch Zellulose auf Basis von Wiesengras) als bereits relativ bekannte und verbreitete Baustoffe. Sie werden teilweise schon recht lange eingesetzt. Noch etwas exotischer ist die zweite Gruppe: Flachs, Schafwolle, Jute, Kork, Schilf, Wiesengras-Zellulose, Seegras und Stroh sind weniger bekannt und verbreitet als die erste Gruppe. Auch wenn beispielsweise Schilf (Reet) oder Stroh im historischen Hausbau schon seit Jahrhunderten eingesetzt wird. Laut FNR dämmen fast alle ökologischen Materialien ebenso gut wie Steinwolle oder Polystyrol. Die Ausnahmen: Strohballen, Schilfrohr, Korkschrot, Holzfaserplatten, Hanf in Matten und lose. Aber auch sie dämmen nur wenig schlechter als die beiden konventionellen Materialien, lediglich Strohballen haben eine sehr viel höhere Wärmeleitfähigkeit. Alle Naturdämmstoffe haben eine viel niedrigere CO2-Bilanz, teilweise sogar eine negative, binden dann also mehr CO2, als bei der Herstellung emittiert wird. Mit zwei Ausnahmen (Zellulose und Holzfasern) sind die Naturbaustoffe allerdings allesamt auf den Quadratmeter bezogen teurer. Da die meisten Naturbaustoffe feuchtigkeitsempfindlich sind, eignen sie sich in der Regel nicht für die Dämmung erdberührter Bauteile (Perimeter).


Eigenschaften in Stichwörtern

Hanf

leichte Verarbeitung, gute Feuchtigkeitsregulierung, guter Schutz gegen Hitze im Sommer und Schall

Holzfaserplatten

bester sommerlicher Hitzeschutz, guter Schallschutz, breite Anwendungsmöglichkeiten auch als WDVS und Putzträger, Energieeinsatz in der Herstellung vergleichbar oder höher konventionellen Baustoffen, Einsatz im Flachdach schwierig

Holzspäne/-fasern

preislich konkurrenzfähig zu konventionellen Dämmstoffen, guter Schutz gegen Hitze im Sommer, Schall und Trittschall, setzungssicher

Holzwolle

als Akustikplatte, für Beplankungen und als Putzträger einsetzbar, schalldämmend, Wärmedämmung nur in Kombinationsprodukten hoch

Zellulose

guter Schutz gegen Hitze im Sommer und Schall, preislich konkurrenzfähig zu konventionellen Dämmstoffen, seit über 100 Jahren erprobt (England, Skandinavien), Bor für Brandschutz, geringen Einsatz von Primärenergie, Recycling-Produkt

Wiesengras-Zellulose

guter Schutz gegen Hitze im Sommer, Bor für Brandschutz, geringes Gewicht, hohe Dämmwirkung mit wenig Material

Flachs

guter Schutz gegen Hitze im Sommer und Schall, ohne Zusätze resistent gegen Schädlinge, Fäulnis und Schimmel, leichte Verarbeitung, sehr formbeständig

Schafwolle

auf Herkunft aus Deutschland achten, Schutz vor Mottenbefall schwierig aber möglich, keine Alterung (bei Abwesenheit von UV/Feuchte), guter natürlicher Brandschutz, guter Schutz gegen Hitze im Sommer, Schall und Trittschall, kann Schadstoffe (z.B. Formaldehyd) binden

Jute

Recycelter Baustoff aus Kaffee- und Kakao-Säcken (Upcycling), leichte und zeitsparende Verarbeitung, guter Schutz gegen Hitze im Sommer und Schall,

Kork

guter Schallschutz, breite Anwendung, auch als Innendämmung und in Kombination mit Lehm (Denkmalschutz)

Schilf

guter Schutz gegen Hitze im Sommer und Schall, sehr gute CO2-Bilanz, Feuchtigkeitsresistent, Putzträger im WDVS (vor allem Lehmputz), keine bauaufsichtliche Zulassung, schwierige bei hohen Brandschutzanforderungen

Seegras

sehr gute CO2-Bilanz trotz langer Transportwege, Dämmmatten noch in der Entwicklung, gute Wiederverwendbarkeit und Entsorgung, ohne chemische Behandlung resistent gegen Feuer, Pilze, Schädlinge, guter Schutz gegen Hitze im Sommer und Schall

Stroh

guter Schutz gegen Hitze im Sommer, ohne chemische Behandlung resistent gegen Pilze und Schädlinge, als Ballen (Stärke um 30 cm) eher im Neubau einsetzbar, als Platten auch für Innendämmung, in Kombination mit Lehmputz guter Brandschutz


FNR-Marktübersicht zu Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen
http://www.fnr.de/fileadmin/allgemein/pdf/broschueren/Broschuere_Daemmstoffe_2016_web.pdf

Egal, ob Sie zwischen oder unter den Dachsparren dämmen, ob ein 'Wärmedämmverbundsystem' aufgebracht oder eine Kerndämmung in den Hohlraum eines zweischaligen Mauerwerks eingebracht wird – für jedes Bauteil bzw. jede Konstruktion gibt es die optimale Dämmvariante: Lassen Sie sich von einem Fachmann vor Ort an Ihrem Objekt beraten.

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