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Zwei Lesetipps zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus

Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz.

Was vorher nur wenige glauben konnten, wurde vor aller Welt offenbar: Die Shoa, der industriell organisierte Massenmord an europäischen Juden. Unter den wenigen Überlebenden war Primo Levi, promovierter Chemiker, ein italienischer Jude. In seinem erstmals 1947 veröffentlichten autobiografischen Buch Se questo é un uomo (Ist das ein Mensch?) schildert er seinen Leidensweg von seiner Gefangennahme als Widerstandskämpfer und der Deportation aus Italien am 22. Februar 1944 nach Auschwitz bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945. Als eine wichtige Quelle der Sklavenarbeit für die Buna-Werke der I.G. Farben AG im Konzentrationslager Auschwitz-Monowitz beschreibt Primo Levi die systematische Entmenschlichung durch Zwangsarbeit, durch völlig unzureichende Verpflegung, Kleidung und Hygiene, durch Massenbelegung und das Brechen jeglichen freien Willens. Die Ermordung durch Zwangsarbeit zum Wohle der I.G. Farben AG und der SS war ein Teil der Shoa, des industriell organisierten nationalsozialistischen Völkermords an den europäischen Juden. Primo Levi zeigt in einem sachlichen beschreibenden Stil, wie Menschen, physisch und psychisch, systematisch  ihres Menschseins beraubt werden. Das Buch steht in der Zentralbibliothek unter der Signatur Emp 3 Levi.

Die Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen stellte die Justiz vor neue Herausforderungen. Karl-Heinz Keldungs, von 1991 bis 2013 Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf, hat mit seinem Buch NS-Prozesse 1945-2015. Eine Bilanz aus juristischer Sicht die Geschichte der juristischen Aufarbeitung des nationalsozialistischen Völkermords geschrieben. Enzyklopädisch beschreibt und beurteilt Karl-Heinz Keldungs die Prozesse gegen die Verbrechen der Nationalsozialisten, angefangen vom Prozess vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg bis zu Prozessen der Gegenwart. Die Prozesse sind geordnet sowohl nach den Orten der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie den Vernichtungs- und Konzentrationslagern, wie auch nach Tätergruppen und Gerichtsstandorten in Deutschland, der Bundesrepublik wie der DDR, sowie in neun weiteren Ländern. Erschreckend sind die besonders in der Bundesrepublik bis vor 40 Jahren verhängten milden Strafen, die deutlich den Unwillen von Richtern dokumentieren, alles an vermeintlichen Milderungsgründen zu finden, um die Verbrechen gegen die Mensch- lichkeit nicht in voller Anwendung des Rechts sühnen zu müssen. Karl-Heinz Keldungs schreibt sachlich und allgemeinverständlich, so dass die teilweise komplizierten juristischen Sachverhalte auch von Nichtjuristen gut nachvollzogen werden können. Eine umfangreiche Liste der Täter und deren Strafen komplettiert das sehr lesenswerte Buch, das in der Zentralbibliothek unter der Signatur Fo Keldun steht.

Klaus Peter Hommes, Abteilungsleiter Bestandsaufbau, Sacherschließung und Fachinformation