BlickWechsel! Die Kunst des Zuschauens

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Royal Photographic Society, Deutsche Sektion, 8.2. - 5.4.2009

Straßentheater in Barcelona. Foto: Gerhard Krauskopf

Bertolt Brecht hat die Kunst des Zuschauens als die andere unverzichtbare Kunstform des Theaters neben der darstellenden Kunst definiert. Theaterkunst vollzieht sich im Angesicht ihrer Zuschauer. Vor ihren Augen entsteht und vergeht das theatralische Kunstwerk. Die Leistung der Darsteller verändert sich dabei mit der Qualität des Zuschauens.

Brecht unterscheidet zwischen "Glotzen" und "Sehen", Goethe zwischen dem "Liebhaber" und dem "Kenner" im Publikum. Aber nicht nur die Qualität des Betrachtens von symbolischen Handlungen ist Veränderungen unterworfen, sondern auch die Zwecke.

Im ursprünglichen, religiösen Ritual treten die Protagonisten aus dem Kreis der Zuschauer, fügen sich ihm wieder ein, tauschen den Platz mit einem anderen Beteiligten. Die Straße ist der moderne Ort des Spiels, in dem der Flaneur zum Zuschauer wird, um diese Funktion im Weitergehen wieder aufzugeben.

Mit den antiken Theatern wird zum ersten Mal ein "Spiel-Ort" definiert und nur zu diesem Zweck errichtet. Die Technik des Zusehens und Zuhörens befindet sich auf ihrem Höhepunkt.

Das Rangtheater der fürstlichen Höfe lenkt mit seiner Architektur den Blick auf die Bühne wie auf den Fürsten oder den Mitzuschauer. Hier wird ein Gebäude nur zum Schauen geschaffen. Die Lichttechnik, der Wechsel von Hell und Dunkel versetzt den Zuschauer aus seiner eigenen Welt in eine fremde. Im verdunkelten Zuschauerraum ist der Zuschauer allein mit sich und der Handlung auf der Bühne, ebenso wie das Publikum dem Blick des Schauspielers entzogen ist. Das Publikum verbirgt sich in der Anonymität des Dunkels.

Diese anonyme Masse setzt sich aus Individuen zusammen - mit individuellen Empfindungen, Reaktionen, "Handlungen", denn auch das Publikum "handelt":

Es bereitet sich vor auf das Theater, es stimmt sich ein, es legt ein Kostüm an. Es nimmt seinen Platz ein, es bildet Muster und Strukturen, es folgt Choreografien.

Die Handlung erregt seine Emotionen, die sich ablesen lassen an Mimik und Gestik. Die Zuschauer wenden sich einander zu, reagieren aufeinander, ziehen sich in sich zurück, erleben Schönheit und Ekstase.

All' das ist bekannt, erlebt, beschrieben. Dennoch herrscht das Bild des Publikums als einer passiven, willenlosen, bloß reagierenden Masse vor.

Mit der Ausstellung "BlickWechsel" treten zum ersten Mal Fotografen als Dokumentare und Zeugen dafür an, dass das Publikum handelt, dass es lebendiger Bestandteil des kommunikativen Prozesses ist. Die Mitglieder der Royal Photographic Society haben es gewagt, dieses Neuland zu betreten, und haben damit nicht nur die Fotografie um ein wesentliches Sujet bereichert, sondern auch der Theatertheorie einen Dienst erwiesen.

Zuschauer im Theater Hagen 2008. Foto: Siegfried Rubbert.

Die Royal Photographic Society

Seit 1853 fördert die Royal Photographic Society mit Sitz im englischen Bath die "Kunst und Wissenschaft der Fotografie". Die Mitgliedschaft steht jedem offen, der an der Fotografie interessiert ist.

2007 trafen sich die deutschen Mitglieder ergänzt um Gäste aus dem Benelux-Bereich im Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf, um die Gründung einer deutschen Sektion zu erörtern. Das Theatermuseum wurde nicht zuletzt wegen seiner umfangreichen fotografischen Sammlungen zum Theater als Austragungsort gewählt.

Hier entstand die Idee zu dieser Ausstellung, die die Beteiligten mit nach Hause nahmen und im Laufe des letzten Jahres machten sie sich auf die Suche nach geeigneten Orten und Situationen. Sie fanden sie nicht nur im Theater. Auch an anderen Orten finden symbolische Handlungen statt: Spiele, die ohne die Beteiligung des Zuschauers nicht möglich wären und die den gleichen kommunikativen Gesetzmäßigkeiten unterliegen.

Beteiligte Fotografen:

  • Antony E. Cutler, Weibersbrunn
  • Will Donnelly, Düsseldorf
  • Chiara Ferraú, Hamburg
  • Andreas Köhler, Düsseldorf
  • Gerd Krauskopf, Remscheid
  • K.H.Peters, Hopsten
  • Andreas Pfeiffer, Backnang
  • KM Udo Remmes, Düsseldorf
  • Siegfried Rubbert, Hagen
  • Renate Scherra, Düsseldorf
  • Wolfgang Schweden, Hannover
  • Grahame Soden, Potsdam
  • Helmut Willmann, Düsseldorf
  • Horst Witthüser, Hagen

 

Das Begleitprogramm

08.02.2009 Ausstellungseröffnung im Theatermuseum, 12:00 Uhr
BlickWechsel - Die Kunst des Zuschauens
Eintritt frei
15.03.2009 Faszination Theater, 15:30 Uhr
Blickwechsel / BühnenBildTheater - Führung durch die aktuellen Ausstellungen.
Im Museumseintritt enthalten.
05.04.2009 Faszination Theater, 15:30 Uhr
Blickwechsel / BühnenBildTheater - Führung durch die aktuellen Ausstellungen.
Im Museumseintritt enthalten.