Forschungsprojekt der Gedenkstätte belegt eine hohe Zahl an Opfern

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V.l.: Klaus Kaiser, Parlam. Staatssekretär NRW-Kulturministerium, Projektbearbeiter Immo Schatzschneider und Gerd Genger, Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte und Hildegard Jakobs, stellvertr. Leiterin. Foto: Gstettenbauer

Der Düsseldorfer Paul Marcus ist eines der Opfer. Er versuchte in der Pogromnacht zu fliehen, als sein Restaurant von Nazis überfallen wurde. Am 10. November fand man ihn tot am Martin-Luther-Platz. Er wurde mit drei Schüssen in die Brust ermordet.

In diesem Jahr jähren sich die Novemberpogrome von 1938 zum 80. Mal. Die Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf hat in einem Landesprojekt erstmals den Versuch unternommen, die Gesamtzahl und die Namen der Opfer zu eruieren, die im Gebiet des heutigen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen im Kontext der Pogrome starben oder ermordet wurden.

Im Sommer diesen Jahres wurde bereits ein erster Zwischenstand veröffentlicht, nun stehen die Ergebnisse des Forschungsprojektes fest, die am Montag, 5. November, in der Mahn- und Gedenkstätte vorgestellt wurden - das Ergebnis:

Mindestens 127 Menschen kamen während und kurz nach den Novemberpogromen auf dem Gebiet des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen ums Leben. Zu diesem Ergebnis kommt das Forschungsprojekt mit Pilotcharakter.

Klaus Kaiser, Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen: "80 Jahre nach der Reichspogromnacht nehmen antisemitische Übergriffe wieder zu. Umso wichtiger ist es, über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuklären und die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Die Studie der Mahn- und Gedenkstätte zeigt nicht nur, dass im heutigen Nordrhein-Westfalen sehr viel mehr Menschen im Zuge der Novemberpogrome umgekommen sind, als bisher angenommen. Den Forschern ist es auch gelungen, die Identität der Toten zu ermitteln. Die Opfer der Novemberpogrome sind nun keine anonyme Gruppe mehr, sondern Menschen, mit jeweils individuellem Einzelschicksal, dem wir uns stellen müssen."

Neubewertung der Pogromnacht

"Die Ergebnisse des Landesprojekts machen deutlich, dass die in der Forschung über Jahrzehnte publizierte Zahl von 91 Toten im gesamten Deutschen Reich viel zu niedrig ist. Diese Zahl stammt von den NS-Behörden selbst und wird bis heute immer noch in Ansprachen oder Darstellungen so kommuniziert", sagt Dr. Bastian Fleermann. "Lange hat man die Morde und Misshandlungen der Pogromnacht bagatellisiert, indem man vor allem auf die materiellen Schäden geschaut hat. Dass so viele Personen ermordet wurden oder starben, ist bis heute kaum bewusst", erklärt der Projektleiter und Leiter der Mahn- und Gedenkstätte weiter. Mit diesen Forschungsergebnissen ist Nordrhein-Westfalen das erste Bundesland, das auf Basis einer wissenschaftlichen Studie die tatsächliche Opferzahl vorlegt.

Seit Februar 2018 liefen die Forschungsarbeiten der Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf zu dem Landesprojekt, an dem hunderte Archive und Gedenkstätten im Land NRW mitwirkten. Einbezogen wurden Opfer, die in der Pogromnacht durch Gewalt oder später an den Folgen und Spätfolgen der Misshandlungen starben. Die bisherige Recherche im Rahmen des Projektes benennt auf dem Gebiet des heutigen Landes NRW 10 Menschen, die in der Pogromnacht erschossen, erstochen oder ertränkt wurden. 44 Menschen starben an den Folgen und Spätfolgen der Misshandlungen, die sie in der Pogromnacht erlitten haben. Es gab 42 Männer und Frauen, die angesichts der offenen Gewalt und der Erfahrung ihrer Schutzlosigkeit in und nach der Pogromnacht aus Verzweiflung Suizid begingen. Hinzu kommen – als unmittelbare Folge der Ereignisse - Opfer unter den jüdischen Männern, die während der Pogromnacht verhaftet und in den darauf folgenden Tagen als "Aktionsjuden" in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt wurden und dort oder nach ihrer Entlassung an den Folgen der Haft starben. Die bisherige Recherche benennt aus NRW 31 Männer, die in den Konzentrationslagern oder nach ihrer Entlassung an den Folgen der Haft starben. Der abschließende Projektbericht nennt Namen und Biografien der Opfer, sofern diese zu eruieren waren.

Hunderte Archive wurden durchsucht

Die Erkenntnis, dass weit mehr Menschen durch die antijüdischen Ausschreitungen zu Tode kamen als bisher angenommen, stand als Leitthese im Zentrum des Projekts. Das Forschungsteam der Mahn- und Gedenkstätte hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alle Ermordeten oder Verstorbenen im Kontext des Novemberpogroms 1938 auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen zu erfassen und ihre Geschichte zu recherchieren. Über 420 Archive, Gedenkstätten, Forschungseinrichtungen und Spezialbibliotheken wurden konsultiert, unzählige Standesämter und Behörden in ganz NRW befragt, um die exakte Anzahl zu ermitteln.

In den vergangenen 30 Jahren ist zu dem Thema viel stadt- und lokalgeschichtlich gearbeitet worden. Zu einem großen Teil waren und sind diese Publikationen auf lokale Akteure und bürgerschaftliche Initiativen zurückzuführen: auf Schülerprojekte, auf örtliche Gedenkstätten, Stadtarchive, Jugendgruppen oder Geschichtswerkstätten. Neben den zerstörten Synagogen und den Verwüstungen von Wohnungen, Ladenlokalen oder Arztpraxen standen immer auch die Gewaltakte gegen jüdische Menschen im Mittelpunkt der Untersuchungen. Zumeist konnte rekonstruiert werden, welche Personen durch Mord, schwere Verletzungen, Schock oder Suizid ihr Leben verloren.

Hintergrund

Das Projekt wurde gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Projektleiter waren Gedenkstättenleiter Dr. Bastian Fleermann und seine Stellvertreterin, Hildegard Jakobs M.A. Die Projektbearbeiter waren Immo Schatzschneider und Gerd Genger.