Interview: „Die wirksamste Armutsbekämpfung entsteht im Zusammenspiel von Stadt und Zivilgesellschaft.“

Portraitfoto Stephan Glaremin
Stephan Glaremin, Leiter des Amts für Soziales und Jugend © Landeshauptstadt Düsseldorf

Interview: „Die wirksamste Armutsbekämpfung entsteht im Zusammenspiel von Stadt und Zivilgesellschaft.“

Seit 2021 ist Stephan Glaremin Leiter des Amtes für Soziales und Jugend der Landeshauptstadt Düsseldorf und befasst sich täglich mit den sozialen Fragen einer wachsenden Großstadt. Im Interview erklärt er, warum in einer wohlhabenden Stadt wie Düsseldorf Reichtum und Armut dicht nebeneinander liegen, welche sozialen Herausforderungen aktuell besonders drängend sind und wie die Stadt versucht, Armutsfolgen zu mindern und Teilhabe zu ermöglichen. Außerdem spricht er darüber, warum Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft so wichtig ist – und welche Impulse der Zukunftspreis 2026 geben kann.

Düsseldorf ist aktuell die NRW-Großstadt mit der höchsten Millionärsdichte – wie geht das mit dem diesjährigen Thema des Zukunftspreises „Armutsfolgen mindern – Dabei sein ermöglichen“ zusammen?

In jeder Großstadt leben letztlich auch arme Menschen. Auch wohlhabende Städte weisen in der Regel eine soziale Ungleichheit auf. In Städten, in denen es gleichzeitig sehr vielen Menschen auch sehr gut geht, ist entsprechend der Unterschied zwischen Arm und Reich deutlicher spürbar. Dies hat dann auch zur Folge, dass reiche und arme Menschen häufig in unterschiedlichen Vierteln, also „räumlich segregiert“, leben. In Düsseldorf lässt sich dieses Nebeneinander von Armut und Reichtum anhand der sozialräumlichen Strukturen gut abbilden. Die Tatsache, dass Düsseldorf als wirtschaftsstarker Standort mit überdurchschnittlich hoher Kaufkraft, hohen Einkommen und sogar der höchsten Millionärsdichte unter den NRW-Großstädten gleichzeitig auch ärmere Stadtteile aufweist ist somit nicht überraschend – aber auch nicht hinnehmbar. 

Großstädte haben nicht genug Handlungsmöglichkeiten, um Armut grundsätzlich zu verhindern. Sie können aber gezielte Maßnahmen ergreifen, um die negativen Auswirkungen von Armut auf das Leben Betroffener zu verringern. Außerdem lassen sich günstige Rahmenbedingungen schaffen, die die Chancen auf gleichwertige Teilhabe erhöhen.

Welche sozialen Herausforderungen sind in Düsseldorf aktuell am drängendsten?

Da gibt es eine ganze Reihe von sozialen Herausforderungen. Als Leiter des Amtes für Soziales und Jugend richte ich meinen Blick insbesondere auf die Schwächsten in unserer Gesellschaft, die Kinder, die älteren Menschen und die Menschen mit Beeinträchtigungen. Die Armut von Kindern kann in einer Kommune beispielsweise anhand der SGB II-Quote „gemessen“ werden. Im Jahr 2024 lebten in Düsseldorf 13.015 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahre in Bedarfsgemeinschaften nach SGB II. Dies entspricht einer Quote von 15,2 %. Im Vergleich der letzten zehn Jahre ist dies der niedrigste Wert und die niedrigste Quote. Selbstverständlich ist die Zahl der Kinder, die in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen leben größer.

Kinderarmut wird an vielen Orten sichtbar, an denen das Amt für Soziales und Jugend hoheitlich oder einfach als Träger von Einrichtungen wie Kitas oder Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen, Stadtteiltreffs oder Bürgerhäusern tätig ist. In einer Kita fällt einer Erzieherin dann zum Beispiel auf, dass einzelne Kinder keine Winterjacken oder Winterschuhe zur Verfügung haben. Über den sogenannten Stadtbezirksfonds kann unbürokratisch und schnell geholfen werden, wenn keine anderen Unterstützungsmöglichkeiten greifen.

Zu beachten ist, dass Kinder und Jugendliche, die in prekären wirtschaftlichen Lebensverhältnissen leben, in verschiedenen Bereichen erhebliche Benachteiligungen und Beeinträchtigungen erfahren. Damit meine ich beispielsweise geringere Bildungschancen, gesundheitliche Nachteile infolge schlechterer Ernährung, beengte Wohnverhältnisse, innerfamiliäre Spannungen aufgrund von ökonomischen Schwierigkeiten sowie mangelnde Teilhabe an sozialen und kulturellen Angeboten.

Eine der Hauptursachen von Armutsgefährdung ist die mangelnde Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum. Diese betrifft nicht nur Menschen mit geringen Einkommen oder im Transferleistungsbezug, sondern zunehmend auch Menschen mit mittleren Einkommen, kinderreiche Familien sowie ältere und alleinstehende Personen. Oftmals haben von Armut betroffene Menschen multiple Problemlagen, die über die materielle Not hinausgehen. 

Besonders besorgt mich der Anstieg der Altersarmut. Ende 2024 bezogen 11.096 Menschen Grundsicherung im Alter nach SGB XII – das sind 9 % aller 65-Jährigen und Älteren. Im Laufe der letzten 10 Jahre sind diese Zahlen kontinuierlich gestiegen und vieles deutet darauf hin, dass sich dieser Anstieg fortsetzen wird.

Wie geht die Stadt Düsseldorf diese Herausforderungen an? Wie helfen zum Beispiel  Präventionsketten, Armut frühzeitig zu bekämpfen?

Düsseldorf hat eine gut ausgebaute soziale Infrastruktur direkt vor Ort. Das Amt für Soziales und Jugend bündelt seine Hilfsangebote, um die Menschen genau dort abzuholen, wo sie im Hilfesystem ankommen. Uns geht es vor allem darum, die Auswirkungen und Folgen von Armut auf die Lebensbedingungen zu reduzieren. Die Präventionskette dient dabei als integrierte Strategie, die darauf abzielt eine durchgängige Begleitung über alle Lebensphasen zu ermöglichen. Bedarfe werden alters- und lebenslagenübergreifend erfasst und Angebote quartiersbezogen adressiert. Weiterhin zielt die Präventionskette auch auf die Abmilderung von drohenden oder verfestigten Armutsstrukturen sowie deren Folgen ab. 

Ein zentraler Bestandteil des kommunalen Nachhaltigkeitsprozesses ist daher das vom Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf beschlossene Handlungsfeld „Bekämpfung von Armutsfolgen“, das vom Amt für Soziales und Jugend koordiniert wird. Im Kern geht es dabei um die bedarfsgerechte Planung und Weiterentwicklung der sozialen Infrastruktur, sowie um die Umsetzung konkreter Angebote, um Armut präventiv zu begegnen, Armutsfolgen zu mildern und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.

Welche Schwerpunkte setzt die Stadt, um armutsbetroffenen trotzdem gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen?

Düsseldorf setzt sich auf allen Ebenen für ein chancengerechtes Aufwachsen sowie ein möglichst gleichberechtigtes Leben für alle Bürgerinnen und Bürger ein. Unsere inhaltlichen Schwerpunkte sind die Armutsprävention und Abmilderung von Armutsfolgen, die quartiersnahe Bereitstellung von Angeboten und die kontinuierliche Begleitung durch alle Lebensphasen. Darüber hinaus bearbeiten wir die Themen Partizipation, Inklusion und Teilhabe als Querschnittsthemen. Durch eine träger-, ämter- sowie fachübergreifende Zusammenarbeit sind wir in der Lage mögliche Lücken in der Präventionskette zu erkennen und gemeinsam zu schließen.

Wir schauen gezielt auf Stadtteile, in denen viele Menschen in schwierigen Lebensverhältnissen leben, und statten diese mit zusätzlichen Ressourcen aus – zum Beispiel Hassels Nord, Garath Südost oder Teile von Oberbilk, Wersten und Rath.
Gemeinsam mit der Universität Düsseldorf und der Hochschule prüfen wir aktuell, wie armutsbetroffene Menschen stärker an Entscheidungen in der Stadt beteiligt werden können.
In Projekten wie „Fit in Oberbilk“ und „Fit in Grünau“ haben wir bestehende Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien untersucht, mit den Wünschen der Menschen vor Ort abgeglichen und daraus konkrete Empfehlungen und Maßnahmen entwickelt.

Außerdem ermöglicht der Stadtbezirksfonds unbürokratisch individuelle Hilfen für Einrichtungen der Jugendhilfe.

Wie kann die Arbeit von Stadt und Zivilgesellschaft ineinandergreifen?

Die wirksamste Armutsbekämpfung entsteht dort, wo Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft systematisch zusammenarbeiten – strategisch, operativ und auf Augenhöhe. Entscheidend ist: Die Stadt schafft Rahmen, Ressourcen und Struktur; die Zivilgesellschaft bringt Nähe, Vertrauen und Innovationskraft ein.

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit gelingt, wenn, die Rollen klar definiert sind und Ziele – unter Beteiligung von Betroffenen – gemeinsam definiert werden.
Dies ist gerade in einer Großstadt wie Düsseldorf eine wirklich schwierige und immer wieder neu herausfordernde Aufgabe.

Wir bemühen uns in Düsseldorf ganz besonders gute kooperative Strukturen aufzubauen, professionelles Daten- und Erfahrungswissen einzubringen und möglichst niedrigschwellige Handlungsansätze gemeinsam entwickeln.n.

Was kann der Zukunftspreis 2026 beitragen?

Im Rahmen des Zukunftspreises „Armutsfolgen mindern – Dabei sein ermöglichen“ stehen soziale Wirkung, strukturelle Veränderungen und Teilhabe im Mittelpunkt. Er kann auf mehreren Ebenen unterstützen: Viele Projekte gegen Armut arbeiten lokal und oft unter dem Radar. Der Zukunftspreis macht erfolgreiche Initiativen öffentlich sichtbar, zeigt funktionierende Modelle und stärkt gesellschaftliche Anerkennung sozialer Arbeit in Verbindung mit zivilgesellschaftlichem Engagement.
Armut ist vielschichtig. Der Zukunftspreis kann daher Innovationen fördern, gesellschaftliche Diskussionen und politische Debatten beeinflussen. Hier können wir sehr voneinander lernen. Wichtig ist bei allem immer: Wirkung geht vor Symbolik.